Chemotherapie (März 2002)

Noch im Krankenhaus nach der Ablatio hat einer der Assistenzärzte das „Vergnüngen“, mit mir über Chemotherapie zu sprechen. Ich bin Wissenschaftlerin, ich habe nach der Klassifizierung meines Tumors nachgesehen, was der Stand der Wissenschaft ist. Ich werde das Gesicht dieses Mannes nie vergessen, als ich sage: „Ja, damit bin ich einverstanden, das steht so in dieser Publikation.“
So ganz „by the book“ wird es dann doch nicht, der Chef-Onkologe hat da noch eine etwas andere Meinung zu. Doch er kann sie mir gut begründen, und so kann ich das akzeptieren. Doch auch seine Begründung habe ich nie vergessen: „Das heben wir uns auf, vielleicht brauchen wir noch mal schwerere Geschütze.“
Was er eigentlich sagt ist – „Gib dich keinen Illusionen hin, Mädchen, das Thema ist so schnell nicht durch.“

Als mir klar wird, dass ich einen Port brauche, bin ich wieder kurz davor, abzuspringen. Noch eine OP, noch eine Narbe mehr. Doch es geht kein Weg daran vorbei, und die Portimplantation wird ambulant erledigt. Alles kein Problem, doch habe ich nun nicht nur Probleme, den Arm an der operierten Seite vernünftig zu bewegen sondern den anderen auch. Glücklicherweise ist das nach ein paar Tagen wieder gut.

Chemotherapie wird ambulant gemacht. Anfang März geht es los, ein Donnerstag. 21-Tage-Zyklus, 6 Mal, Epirubicin und Cyclophosphamid. Ein bisschen Prämedikation gegen die Übelkeit, dann die Zytostatika, alles kein Problem. Mein Vater wartet beim ersten Mal. Bis nach Hause geht es mir gut, dann geht das Kotzen los. Es dauert zwei Zyklen, bis wir das einigermaßen im Griff haben. Jetzt bin ich nur noch müde und verschlafe immer das Wochenende.
Im April fange ich wieder an zu arbeiten, mein Chef ist froh, wenn ich komme, er lässt mir freie Hand. „Komm und arbeite in bisschen oder bleib zu Hause. Du brauchst nicht anrufen.“ Und so bin ich alle drei Wochen Donnerstag und Freitag krank, Montag stehe ich wieder auf der Matte, mit halber Kraft nur, aber es hilft mir, das alles durchzustehen, einen geregelten Ablauf zu haben. Nicht das Gefühl zu haben, ich wäre totkrank.

Dann beginnen die Haare auszufallen. Ich weiß noch wie heute, wo ich war, als ich es bemerkte. In die Haare gegriffen und die Büschel in der Hand gehabt.
Zuerst fiel es nicht weiter auf, doch irgendwann wurde es so dünn, dass es einfach nicht mehr ging. Mein (damals noch Freund, jetzt Ehemann) hat mir den Rest abrasiert. Erst Jahre später hat er mir erzählt, wie sehr ihn das belastet hat. Was soll ich sagen? Mich auch …
Ich habe eine Perücke, doch ich trage sie nur einmal – zum Geburtstag meiner (fast) Schwiegermutter, weil die Oma nicht wissen soll, was mit mir ist. Sonst laufe ich mit einem Piratentuch herum. Wenn nicht die Augenbrauen fehlen würden, wäre das alles gar nicht so auffällig. Aber so ist es ein weithin sichtbares Kennzeichen: Krebs.
Und so verhalten sich die Leute auch. Wildfremde Leute sprechen einen an, wünschen einem Kraft für den Kampf. Schade nur, dass ich eigentlich gerade eine Gardine aussuchen wollte und nicht über den Kampf nachdenken wollte.

Zur Taufe meines Patenkinds gehe ich wieder ohne Tuch mit raspelkurzem Putz.
Da habe ich dann schon die Antihormontherapie angefangen.

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