Frust und Gejammer

Ich könnte den letzten Artikel so weiterschreiben. Den Krebs und alles, was daran hängt wegschieben, weit weg. Das CT vom Thorax war OK, keine Veränderung. Erleichterung, natürlich, und dann weg mit allem. Ganz weit weg.

Nach dem CT wird auch langsam endlich mein Ischias wieder besser (aber nicht gut), die Anspannung braucht ein paar Tage, dann fällt sie ab. Nur nicht mehr an den Mist denken.

Aber gut geht es mir nicht. Ich kann häufig nicht sitzen, manchmal nicht liegen, nicht schlafen. Sport ist mal gut, mal ist er schlecht, ich habe mal eine Stunde, da geht es mir gut, da tut mir mein Hinterteil nicht weh, dann wieder weiß ich nicht, wie ich den Tag rumbringen soll.
Ich bin gefrustet. Krebstechnisch kann ich mich entspannen, und kann es doch nicht. Nach drei mal Fehlalarm ist mein Vertrauen dahin. Ich habe Schwierigkeiten, zu glauben, dass wirklich nichts ist. Und mittlerweile sind es 10 Monate, dass ich diese Schmerzen in Po und Bein habe. Eine Zeitlang konnte ich mich damit trösten, Dinge zu tun, die auch im Stehen gehen. Mal wieder Malen nach Zahlen machen und mit dem Laptop geht es auch im Stehen. Aber nach so langer Zeit habe ich einfach keinen Bock mehr. Ich möchte entspannt auf dem Sofa herumhängen und kann es nicht. Ich möchte im Garten unter dem Baum sitzen und lesen und kann es nicht. Ich möchte im Garten muckeln und höre doch nach einer Stunde wieder auf, weil ich Angst habe, dass es sonst wieder zu viel ist und ich nachts nicht schlafen kann vor Schmerzen. Ich möchte mal wieder Zumba machen, vom Joggen ganz zu schweigen. Ich möchte mal keine Missempfindungen zwischen den Beinen haben und mal wieder mit meinem Mann tun, was man eben mit seinem Ehemann so tut. Aber das alles geht nicht.

Das MRT von März hat gezeigt, dass 2010 auch dort eine Metastase gewachsen ist, irgendein Weichteil. Infiltriert den Piriformis und den Spinalkanal. Inaktiv jetzt, aber da. Der fehlende Bauchmuskel von der OP 2002 setzt ohnehin alle verbleibenden Muskeln in meinem Rumpf unter Spannung. Ich habe keine Ahnung, ob ich jemals in einen Zustand zurück kommen kann, in dem das nicht wehtut oder irgendwas taub ist.
Was alle beruhigt – es schwankt. Es ist mal mehr, mal weniger. Es tut mal hier, mal dort weh, ist mal taub, mal nicht. Das ist gut, sagen alle, nervt aber ohne Ende.
Das Ganze hat eine körperliche Komponente und eine seelische. Wenn ich angespannt bin, spüre ich, wie sich alles zusammenzieht. Doofes Gefühl, wenn man das Poloch zusammenkneifen will und kann nicht, weil schon alle Muskeln krampfen. Also muss mein oberstes Ziel sein, mich zu entspannen. Und kann es doch nicht.

Auch das ein Grund, warum ich diesen Artikel nicht schreiben wollte. Ich sollte froh sein, dass ich in einem krebstechnischen Stillstand lebe – und jammere doch nur rum. Ich mag das nicht, ich will das nicht, und doch ist es so. Ich wollte das nicht schreiben, aber so ist nun mal die Situation, und ich muss das akzeptieren.

Ich weiß nur noch nicht, wie.

 

 

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14 Kommentare

  1. Karl said,

    27. Juni 2014 um 21:57

    Wär besser gewesen, wenn Du ihn früher geschrieben hättest. Jedenfalls hat es das Warten sicher nicht besser gemacht.

    Du jammerst, und wenn schon. Ist so ein Blog nicht auch dafür da, zumindest auch da? Schön, wenn’s Dir gut geht, das darfst Du dann auch gern schreiben, haben wir(?) wirklich nichts dagegen. (Frag ich mal in die Runde). Aber wenn’s nicht so ist, da ist es halt nicht so, darf man doch sagen.

    Gelassenheit kommt von lassen (meint auch Meister Eckhart) aber nicht nur nur von loslassen und so-sein-lassen, manchmal auch von rauslassen (meine ich).

    Also lass ruhig raus, ich denke es die allermeisten Leser können das hier nachvollziehen 😉

    • 30. Juni 2014 um 06:03

      Lieber Karl, von außen lässt sich das leicht sagen, du hättest sollen … aber genau das ist doch das Problem. Nicht der Frust, aber den nicht zulassen können. Wenn man von außen ständig hört „Aber sonst (=Krebs) ist alles in Ordnung? Gut, das ist ja die Hauptsache!“, dann ermutigt das auch nicht gerade zum freien Reden über meine Ischiasbeschwerden. Denn sie haben Recht, es ist die Hauptsache. Aber es hinterlässt immer auch den Beigeschmack von „hör auf über Lapalien zu jammern“.
      Wie auch immer. Es dauert dann einfach eine Zeit, ehe man sich da raus bewegen kann.
      Liebe Grüße! Jenneke

      • Karl said,

        5. Juli 2014 um 20:25

        Nein, die haben nicht Recht, denn das ist nicht die Hauptsache. Wäre sie das, würde der Krebs tatsächlich Dein Leben noch bestimmten, und genau damit muss irgendwann mal Schluss sein, jedenfalls phasenweise, wenn es nicht grad akut ist.

        Das Leben ist jeden Tag und fängt an jedem Morgen neu an, und da kann ein Ischias eben mal eine Weile oder auch insgesamt wichtiger und bejammernswerter sein als der zugegeben oft besch…nene Krebs. Man muss nicht erwarten, dass die anderen, die Nichtbetroffenen das ohne weiteres verstehen, weil für die „Der Krebs“ meistens sowas wie die Königsklasse der Krankheiten und Bedrohungen ist. Bedrohungen gibt es aber jeden Tag viele andere, deren sie sich meist nicht bewusst sind. Aber wir selbst können versuchen alle unsere Widrigkeiten dort einzuordnen, wo sie unserer Meinung nach gerade hingehören, was bei jedem anders sein wird und sich auch ständig ändern kann.

        Im Moment klettert der Ischias eben mal ein paar Stufen auf der Prioritätsliste der zu beklagenden Malaisen hoch.

        Ob „die Anderen“ das verstehen oder nachvollziehen können, ist da nicht so wichtig. Hier jedenfalls wird man das nachvollziehen können.

  2. finja said,

    27. Juni 2014 um 22:02

    Erstmal bin ich froh über Deine Meldung und über den vermeldeten Stillstand. Was das andere angeht: Ich muss gestehen, ich erinnere mich nicht, ob Du neben Krankengymnastik auch mal Osteopathie oder einen Chiropraktor (nicht Chiropraktiker, wichtiger Unterschied) zu Rate gezogen hast. Ich könnte mir vorstellen, dass zumindest der Teil, der nur mit Verspannungen zu tun hat, sich dadurch entkrampfen könnte. Ein guter Chiropraktor weiß, wie all die Stränge im Körper zusammenlaufen, und kann wahre Wunder bewirken.

    Natürlich wird er den fehlenden Muskel nicht ersetzen können, aber Blockaden, die aufgrund der veränderten Körperhaltung entstanden sind und für weitere Verspannungen usw. sorgen, könnten gelöst werden. Denn was Du schreibst, klingt NICHT zufriedenstellend. Und Du musst sicher kein schlechtes Gewissen haben, weil Du „jammerst“. Was Du schreibst, klingt einfach nicht gut. Klar ist Stillstand erfreulich, aber v.a. gibt er Dir die Möglichkeit, die anderen Baustellen anzugehen, würde ich sagen. Und dass Du die angehen willst, ist doch nur verständlich.

    • 30. Juni 2014 um 06:05

      Liebe Finja, meine Osteopatin ist die einzige, die was erreicht. Krankengymnastik habe ich aufgegeben, das hat immer nur gereizt und gereizt, da wurde es gar nicht besser. Jedes Mal, wenn ich bei ihr war, geht es mir ein Stück besser. Problem ist nur – es wird dann auch wieder (manchmal ohne dass ich weiß, was ich gemacht habe), wieder schlechter.
      Liebe Grüße! Jenneke

  3. sue said,

    28. Juni 2014 um 01:21

    Ich mag jetzt gar nicht viel rumquatschen und schliesse mich einfach Karl an.
    Du wirst Dich wieder einpendeln.

    lieben Gruß
    Sue

    • 30. Juni 2014 um 06:07

      Danke, liebe Sue, ich hoffe es.
      Liebe Grüße! Jenneke

      • sue said,

        5. Juli 2014 um 20:45

        Diese „Schleudersitz“-Situation ist nicht alltäglich und überhaupt nicht leicht. Erst winkt die Kiste recht deutlich und dann rückt sie wieder ein wenig in den Hintergrund. Erst ist die Richtung klar und dann wieder sehr verschwommen.
        Damit muß man erst mal klarkommen und das macht jeder auf seine Art. Da gibt es kein richtig oder falsch.
        Und warum sollte man in dieser Situation nicht auch das Recht haben, sich über „Pippifax“ zu ärgern. Ebenso darf man meckern, jammern und/oder fluchen und sich freuen.
        Für Gesunde ist das nur schwer nachvollziehbar und ich spreche darüber nur mit ganz bestimmten Menschen.
        lg sue

  4. babs said,

    28. Juni 2014 um 12:39

    froh dich wieder zu lesen
    was karl schreibt, trifft es auch für mich.
    lassen, nicht nur los sondern auch sein lassen………sehr
    schön formuliert.. besser kann man es nicht ausdrücken…..

    liebste grüße
    babs

    • 30. Juni 2014 um 06:07

      Liebe Babs, wenn nur nicht die Ausführung so schwer wäre …
      Liebe Grüße! Jenneke

      • babs said,

        30. Juni 2014 um 09:36

        ich habe nicht gesagt, dass es einfach ist 😉
        harte arbeit………
        ich wünsche dir, dass die schmerzen endlich aufhören.
        liebe grüße
        babs

  5. Wolfgang said,

    29. Juni 2014 um 15:33

    Ich freu mich auch sehr, wieder von Dir zu hören!
    Und als Wiener, die ja bekanntlich das Jammern (hier heisst es „Raunzen“) erfunden haben, kann ich Dir sagen: Es muss manchmal sein. Ja, auch wenn man Gründe hätte, sich über andere Dinge zu freuen, es muss mal raus. Und das ist völlig ok. Und was draussen ist, belastet nicht mehr so, da gebe ich Karl völlig recht.

    Alles Liebe,
    Wolfgang

    • 30. Juni 2014 um 06:06

      Lieber Wolfgang, diesen Zustand von „belastet nicht mehr so“ habe ich noch nicht erreicht. Aber man soll ja die Hoffnung nicht aufgeben.
      Liebe Grüße! Jenneke

  6. Bine said,

    23. September 2014 um 16:21

    Wie gehts dir Jenneke?