Diagnose und Operationen (Januar 2002)

Herbst 2001.
Ich taste etwas, rechte Brust, oben zum Brustbein hin. Ein Knubbel, der früher da nicht war. Und ich merke es. Wenn ich schwere Kisten hebe (eine Freundin zieht um), dann merke ein kleines Pieksen.
Der Frauenarzt sagt, es ist wohl ein Muskelfaserriss, im Ultraschall sieht er nichts.
Aber das geht nicht weg, ich gehe wieder hin, mittlerweile ist es Dezember. Wieder nichts im Ultraschall, aber ich sage ihm, ich taste was. Also sitze ich auf der Ultraschallliege statt zu liegen, er tastet und schallt und tatsächlich sieht er was.
Mammographie – ergebnislos, die besagte Stelle ist zu nah an der Brustwand, das Gerät kommt da nicht hin. Auch die machen Ultraschall, sehen etwas, was da nicht hingehört. Weg damit, sicher ist sicher.
OP-Termin für Januar 2002. Wie geht es mir dabei? Genervt, das passt nicht in meinen Zeitplan. Angst? Nein, keine. Alle Ärzte sagen, die Wahrscheinlichkeit, dass es etwas Bösartiges ist, ist in meinem Alter sehr klein. Ich glaube ihnen.

OP-Aufklärung, Narkose, ich wache wieder auf. Mein Gyn guckt mich an, sagt etwas wie „der Schnellschnitt sah nicht gut aus, ich muss noch mal operieren, mehr herausnehmen“. Ich muss noch mal unterschreiben, bin aber eigentlich noch gar nicht richtig wach, kapiere nicht, was er da sagt. Erst hinterher, Jahre später, wird mir klar, wie sehr ihn der Befund wirklich überrascht hat, dass er die OP so schnell beendet hat, dass er noch eine zweite OP machen musste, noch mal aufklären musste.

Die Erkenntnis Krebs sackt nur langsam in meinen Kopf, in den Tagen nach der Operation. Noch ist alles unwirklich. So etwas passiert anderen Leuten, nicht einem selbst. Ich bin doch erst 30 Jahre alt. Krebs ist eine Krankheit für alte Leute.
Dann kommt die Histologie. Der Tumor ist nicht im Gesunden entfernt, in dem Gewebe finden sich in situ-Carcinome. Es muss noch mehr raus. Er spricht zum ersten Mal von der Möglichkeit, dass die Brust abgenommen werden muss, von Chemotherapie. Langsam sackt das alles in meinen Kopf. Ich weiß noch wie heute, wo ich mit ihm saß, als wir dieses Gespräch geführt haben. Ich weiß noch, dass ich ihn fragte, ob ich jetzt sterben muss. Er hat sofort und ohne Zögern „nein“ gesagt. Heute weiß ich, dass er das nicht wissen konnte. Aber ich vertraute ihm und habe ihm geglaubt. Und es hat mir sehr geholfen, dass er das gesagt hat. Es hat mir Kraft gegeben, was durchzustehen, was noch kommen sollte.
Das Staging war hart. Wenn man die ganze Maschinerie durchläuft, um zu gucken, ob es Metastasen gibt … das zerrt an den Nerven. Denn es entscheidet nicht nur darüber, welche Therapie gemacht wird sondern auch, wie groß die Erfolgschancen sind. Aber alles gut – keine Metastasen. Obwohl ich aufgrund meines Alters (30) als Hochrisikopatientin gelte, bin ich zuversichtlich.

Mein Gynäkologe ist gut genug, mich jetzt an die Experten überweisen. Ich gehe zu meinem Termin beim Chefarzt. Es geht darum, ob eine Ablatio vorgenommen werden soll, und wenn ja, wie der Aufbau passieren soll.
Das zumindest denke ich. Doch der Herr Professor sieht das anders. Ich ziehe mich vor ihm aus, er betrachtet mich kritisch und greift in meine Bauchrolle. „Da mache ich Ihnen eine schöne, neue Brust draus.“ Es gibt gar keine Diskussion, keine Alternative. Brust ab, TRAM-Flap als Aufbau. Er erklärt mir das, doch ich habe schon abgeschaltet. Zu so einem Schlächter gehe ich nicht.
Mein Gyn richtet alles wieder, erklärt mir alles noch mal, bringt mich zur Besinnung. Die Brust wird für den Rest des Körpers geopfert. Termin – Anfang Februar 2002. Ich sehe mir Bilder im Internet an, nicht nur vom Ergebnis, auch von der OP selbst. Schlachtefest …

Die Operation dauert lange, mehrere Stunden, und der Chefarzt operiert nicht selbst, sondern sein Oberarzt. Das transplantierte Gewebe muss warm gehalten werden, damit es nicht abstirbt an seinem neuen Platz. Die Brustwarze wird noch während der OP untersucht, sie ist krebsfrei und wird an der Leiste „zwischengeparkt“, um sie später wieder dorthin zu verpflanzen, wo sie hingehört. Alles ziemlich gruselig, aber der direkte Aufbau ist das einzig Wahre – ich wache wieder mit einer Brust auf, auch wenn es mal mein Bauch war. Es ist erstaunlich schmerzfrei, nach 12 Tagen bin ich aus dem Krankenhaus wieder raus, noch mit Drainagebeuteln bestückt, doch recht munter.

Und dann kommt die Chemotherapie.

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