Welche Therapie für meinen metastasierten Brustkrebs?

Laut CT habe ich Metastasen in einer Rippe, der Pleura, vermutlich in der Lunge. Das Knochenszintigramm war unauffällig für das restliche Skelett, der Ultraschall vom Unterbauch sagte, dass dort keine Metastasen sind. Eine Übersicht über Therapie und Befunde befindet sich hier.

Mit der Nachricht über die Metastasierung kommt natürlich gleich die Frage nach der Therapie. Inzwischen habe ich eine Gynäkologin, und sie hat sich sehr für mich ins Zeug gelegt. Wie es der Zufall so wollte, war sie als Assistenzärztin bei meiner großen Operation 2002 dabei, es war ihr erster TRAM gewesen. So etwas vergisst man nicht.
Über die Behandlung der Knochenmetastasen bestand kein Zweifel – Bisphosphonatherapie. Zur Auswahl stehen hier Bondronat oder Zometa. Ich bekomme ersteres, das hat insgesamt weniger Nebenwirkungen, besonders bei den Kiefernekrosen.
Doch für die systemische Behandlung liegen zwei Optionen vor: Chemotherapie (Taxol und Avastin) oder Antihormontherapie (AHT – wie ich sie auch ab 2002 schon hatte). Beides hat gute Erfolge – unter den rechten Bedingungen. Aber natürlich sind die Auswirkungen sehr, sehr unterschiedlich. Chemotherapie würde mich ausknocken, AHT nicht. Das Wort Lebensqualität erschreckt mich, aber mit der Zeit merke ich, dass es mir genau darauf ankommt.

Doch wie findet man jetzt raus, zu welcher Kategorie man gehört?
AHT hat nur dann einen Sinn, wenn die Metastasen hormonrezeptorabhängig sind. Das bedeutet Biopsie, aber alles, was man bei mir sehen kann, ist so tief im Körper, dass man nicht (leicht) hin kommt. Ein Versuch, über einen der geschwollenen Lymphknoten die Information rauszukriegen, schlägt fehl. Keine Information über HER-2/neu-Status, keine Informationen über die Hormonrezeptoren. Gehen Sie zurück auf Los.
Zu allem kommt, dass die geplante Chemotherapie mit Avastin gemacht werden soll. Avastin macht als Nebenwirkung Wundheilungsstörungen. Und da ist noch immer diese Zyste an meinem Eierstock, die meine Gynäkologin schon seit fast einem Jahr unter Beobachtung hat, die aber natürlich nicht, wie sonst üblich, hormonell behandelt werden kann. Ich will das Ding weg haben, auf jeden Fall, bevor wir mit Avastin anfangen. Auf Bauch-OP mit Wundheilungsstörungen habe ich so gar keine Lust. Also wird das vorher gemacht. Punkt.

Mein Fall soll vor das Tumorboard, doch der Boardtermin fällt aus, aber man legt sich trotzdem auf die Chemo fest. Dafür sei ja der Hormonrezeptorstatus (der ja noch nicht vorlag) nicht entscheidend. Ich werde misstrauisch. Wie kann man das entscheiden, welche Therapie richtig ist, wenn doch noch gar nicht alle Informationen vorliegen?
Ich fasse mir also ein Herz und frage einen Onkologen, den ich vom Arbeiten her kenne. Er meint, sofort und ohne Zögern, man müsse jedenfalls eine Histologie einer Metastase haben und dann, wenn irgend möglich, eine AHT machen. Der Krankheitsverlauf spreche dafür, dass die Metastasen ebenfalls drauf ansprechen. Für ihn sieht es so aus, als ob nach Ende der alten AHT (fünf Jahre), die Metastasen langsam gewachsen sind. Dazu kommt, dass die AHT schonender ist. Die Chemotherapie-Keule ist für Frauen mit hoher Tumorlast (welche ich nicht habe) und die Lebensqualität sollte doch beachtet werden.

Erst bringt mich das durcheinander. Der eine sagt dies, der andere das. Also sammle ich noch weiter Informationen und komme zu dem Schluss, dass ich AHT machen will, wenn das geht. Die Argumentation des befreundeten Arztes ist schlüssig und sie stimmt mit den Leitlinien der AGO (Arbeitsgemeinschaft Gynäkologischer Onkologie) überein.
Zum Gespräch mit der Chemo-Befürworterin komme ich also mit einer langen Frageliste. Problematisch ist nur, dass die Oberärztin eigentlich Urlaub hat und eine Assistenzärztin mir gegenüber sitzt. Sie denkt, es sei mit mir abgesprochen, dass ich Chemo machen würde und ist nur darauf vorbereitet, mir die Chemo zu erklären. Und dann komme ich mit meinen kritischen Fragen. Sie tut mir fast leid, die Assistenzärztin, das überfordert sie sichtlich. Die Chefin kommt dann doch noch, die beiden besprechen sich und schwenken voll auf meine Linie ein!
Die einzige Begründung, die ich höre, ist – Patientenwunsch, also wird das gemacht. Vielleicht habe ich ja chinesisch gesprochen, aber ich wollte eigentlich die Argumente für die Chemo hören und mich dann entscheiden. Aber gut.

Ich habe mit meiner Gynäkologin darüber gesprochen. Sie hätte inzwischen auch mit einem Professor gesprochen, einer Koryphäe auf dem Gebiet der gynäkologischen Onkologie, und er wäre auch für die AHT. In meiner Situation vergibt man sich nichts, das zu versuchen. Wenn es nicht anschlägt, haben wir immer noch die Möglichkeit, Chemotherapie zu machen. Ich schlage den Professor Koryphäe nach, und siehe an, er hat bei den Leitlinien der AGO mitgeschrieben.
Das Medikament, das Anti-Östrogen Faslodex, das ich bekommen soll, muss gespritzt und natürlich rezeptiert werden. Mir stellen sich die Nackenhaare auf, als ich daran denke, jetzt jeden Monat zu der Onkologin zu gehen, die ich nicht mag, der ich nicht vertraue. Der befreundete Onkologe praktiziert leider nicht in meiner Nähe … Also ergreife ich die Gelegenheit und tatsächlich, meine Gynäkologin bringt mich bei Professor Koryphäe unter.
Und sie tut noch mehr. Ihr alter Oberarzt, der damals meine OP gemacht hat, ist inzwischen Chefarzt an einer Klinik in der Region. Sie macht einen Termin bezüglich der Zyste, denn durch den TRAM von 2002 ist eine Bauch-OP bei mir nicht so einfach. Da sitzt ein Netz dort, wo die sonst endoskopisch reingehen, es sei doch besser, das macht einer, der weiß, wie es da innen aussieht.

Die Entfernung der Eierstöcke ist problemlos. Dienstag OP (beim Chefarzt), Sonntag wieder raus trotz Bauchschnitt. Wieder hat er das sehr gut gemacht. Eine Woche krankgeschrieben, dann wieder voll losgelegt. Ich weiß nicht, woran es liegt, mein Körper ist da ziemlich gnädig. Ich habe kaum Schmerzen, und es hat mich nicht wirklich umgehauen.

Dann habe ich den ersten Termin beim Professor Koryphäe für gynäkologische Onkologie. Es dauert nur ein paar Minuten, dann hat der Mann mein ganzes Vertrauen. Ich weiß nicht, wie er das gemacht hat, aber ich weiß sofort, dass ich bei ihm sehr gut aufgehoben bin. Vielleicht liegt es daran, dass meine Gynäkologin „gepetzt“ hat – diese Patientin will Informationen, sie will wissen, was los ist. Und das tat er. Er erklärt mir, unter welchen Umständen man eine Chemo machen sollte und wann nicht. Und er sagt, was ich sehr vernünftig finde – eine richtige Histologie der Metastasen muss her, damit wir (!) richtig entscheiden können, was zu tun ist.
Er rechne aber damit, dass die Metastasen wie der ursprüngliche Tumor sind (wären sie sehr mutiert, wären sie eher aufgetreten), und dann würde er AHT machen. Und er hätte sogar eine Studie, die für mich perfekt passen würde. Super.
Also macht er für mich einen Termin in der Thoraxchirurgie, wenn er anruft, kriege ich sofort den Termin beim Spezialisten, dann würde die Pleura punktiert. Noch eine OP, nun ja, nützte ja nichts.

Doch dazu kommt es nicht. Denn ich kriege den Befund der Eierstöcke. Die Zyste ist genau das, eine harmlose Zyste. Aber im Eierstockgewebe findet sich eine Metastase meines Brustkrebses. So klein, dass man sie nicht hatte sehen können, doch der Pathologe entdeckt sie und macht eine Histologie. HER-2/neu negativ (gut, weil weniger aggressiv), östrogen- und progesteronabhängig (genau wie der ursprüngliche Tumor).
Zuerst bin ich geschockt. Oh Gott, es ist schon überall! Das ist mein erster Gedanke. Doch dann wird mir klar, wie viel Glück ich wieder habe. Wieder ein Zufallsbefund. Und einer, der mir die Thoraxchirurgie erspart. Einer, der mir erlaubt, sofort loszulegen! Denn seit der ersten Bestätigung der Metastasierung sind schon über zwei Monate vergangen! Ich habe zunehmend das Gefühl, mir läuft die Zeit davon!

Ich hatte die Unterlagen für die Studienteilnahme schon mitgenommen und würde also mitmachen können. Vor Beginn werde noch ein paar Untersuchungen gemacht, beziehungsweise wiederholt. CT Thorax (ohne Veränderung zum letzten), EKG (alles OK), MRT Abdomen. Hier ist eine unklare Struktur an der Leber zu sehen, die zusammen mit den leicht erhöhten Blutwerten für die Leber nahelegen, dass hier auch eine Absiedlung sein könnte. Aber man legt sich nicht fest. Hart wie es klingt – es ist egal. Denn diese Untersuchungen dienen nur dazu, den Stand vor Studienstart festzulegen. Ob es jetzt eine paar Metastasen mehr sind und wo, das ist egal.
Mitte August geht es endlich los – Aufsättigung mit Faslodex: also eine Spritze am Tag 1, dann eine an Tag 14, dann an Tag 28. Danach alle 28 Tage, zusammen dann mit der Infusion des Bondronats.

Während der ersten Sitzung bin ich nervös, was mich erwartet. Aber das erste Bondronat vertrage ich ganz gut (das macht manchmal fieberähnliche Symptome bei der ersten Anwendung), und die Faslodex-Spritze ist nicht halb so schlimm, wie ich mir das vorgestellt habe (5ml öliges Zeugs tief in den Pomuskel gespritzt zu kriegen, schreckt erstmal ab).

Obwohl alles gut gelaufen ist, und ich meinen Willen gekriegt habe, habe ich zwischendurch meine Probleme mit der AHT. Irgendwann, bevor es richtig losgeht, sinkt die Erkenntnis in mich rein, dass das jetzt endgültig ist. Der Gedanke „Nie wieder richtig schlafen“ ist ziemlich erschreckend für mich. Wieder schwitzen, wieder zunehmen, wieder alles furztrocken. Alles nicht so schlimm. Aber das Schlafen …
Nicht, dass es vor acht Jahren unerträglich gewesen wäre. Es ist die Endgültigkeit, die mir zusetzt.
Aber es nützt nichts. Die ersten Hitzeanfälle kommen eine gute Woche nach der Entfernung der Eierstöcke. Nur ein wenig, aber doch spürbar. Schlafen tue ich noch gut. Dann geht die Anti-Östrogen-Therapie los, und nach und nach werden die Hitzewallungen stärker. Insgesamt ist es jetzt nach fünf Monaten Therapie nicht so schlimm mit der Hitze wie unter Arimidex und Zoladex. Aber schlafen … das ist eine andere Sache (es ist gerade wieder nach halb zwei in der Nacht …)

Schlimm ist der erste Nachsorgetermin nach drei Monaten. Wieder habe ich das Gefühl, mein Leben, nein, eher meine Lebensqualität, hängt an einem seidenen Faden. Die AHT läuft gut, ich arbeite weiter voll, habe die letzten drei Monate gut gelebt. Und das will ich weiter haben! Und ich habe schlicht Angst, dass es die falsche Entscheidung war, dass ich doch die Chemotherapie hätte machen sollen.
Nach dem CT des Thorax sitze ich starr auf dem Stuhl und wartete, bis die Ärztin die Bilder ausgewertet hat. Lange dauert das, so kommt es mir jedenfalls vor. Aber das Warten lohnt sich, sie hat gute Nachrichten. Einige Metastasen sind sogar nach diesem kurzen Zeitraum kleiner geworden (das ist schnell!) und es ist nichts dazu gekommen. Das MRT am nächsten Tag vom Abdomen sagt, dass alles ist wie zuvor.
Professor Koryphäe ist zufrieden. Zwar muss sich der Trend in den nächsten Monaten noch festigen, doch Frauen, die schnell ansprechen, haben eher eine Chance, dass die Therapie die Krankheit lange in Schach hält. Er macht mir damit Mut, aber bestätigt auch gleichzeitig, was ich ohnehin weiß: Selbst wenn es zur Remission kommt, und die Metastasen ganz verschwinden, sie werden wiederkommen. Irgendwann.

Und bis dahin – Carpe tempus!

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