Metastasen (Juni 2010)

Unterbauch-Ultraschall nach 8,5 Jahren ist unauffällig, der Tumormarker ganz leicht erhöht, keine Sorge, das kommt mal vor (sagt die Onkologin). Wie? Sie haben eine Zyste am Eierstock, ja, ja, die machen das auch. Kommen Sie in vier Wochen wieder, dann messen wir noch mal. Doch dazu kommt es nicht mehr.

Die Ärztin, die immer die Mammographie macht, war der Meinung, man sollte doch mal wieder ein MRT von der Brust machen, ist ja jetzt schon über zwei Jahre her. Gut, wenn sie meint.

Wie gut, dass sie das gemeint hat!

Das MRT war vom Brustgewebe auch völlig unauffällig. Doch von den Rippen ist auch etwas mit abgebildet, und das hat ihr nicht gefallen. Die Rippe ist gebrochen, heißt es dann. Haben Sie das gemerkt? Nein. Starken Husten gehabt? Nein. Tumormarker erhöht? Ja.
Ich bin nicht dumm, ich wusste, was das bedeuten kann. Was es wahrscheinlich bedeutet. Doch nach dem MRT haben sie noch abgewiegelt, das sei ein Verdacht, da müsse man nachsehen. Machen Sie sich keine Gedanken. Nach so langer Zeit …
Also einen Termin für ein Knochenszintigramm geholt und einen für ein CT vom Thorax. Wie wäre es Freitag? Nein, das geht nicht, habe ich sofort gesagt, das ist mein Geburtstag. Der 39. Geburtstag. Also war der Termin am Montag.
Es war kein besonders lustiger Geburtstag und auch kein besonders schönes Wochenende.

Als ich nach der Untersuchung am Montag das Gesicht der Ärztin gesehen habe, war mir schon klar, dass der Befund sich bestätigt hat. Knochenmetastase. Raumforderungen in der Pleura (mehrere), unklare Strukturen in der Lunge.

Mein erster Gedanke war – wie sage ich das meinem Mann? Wie sage ich das meinen Eltern? Als ob mir jemand den Stuhl weggezogen hatte. Doch sofort kam die Wissenschaftlerin durch und fragte: „Was jetzt?“
Die Ärztin, der ich gerade gegenüber saß, ist Radiologin, sie hatte ein paar Antworten, aber nichts Konkretes.
Geweint habe ich erst, als ich meinen Mann anrief, gleich vor der Tür der Praxis. Auch wenn er es natürlich ebenfalls geahnt und befürchtet hat, es ist etwas anderes, wenn es dann bestätigt ist. Zu meinen Eltern bin ich hingefahren. Am Anfang der Fahrt habe ich noch geweint, doch es dauerte nur ein paar Kilometer, und dann ist etwas Wunderbares passiert – ich wurde auf einmal ganz ruhig. Ich hatte das schon einmal geschafft, ich konnte das wieder schaffen. Ja, der Krebs ist jetzt metastasiert, doch es sind kleine Metastasen, es gibt Therapiemöglichkeiten. Ich schaffe das.

Das, wovor ich all die Jahre Angst gehabt habe, ist nicht passiert. Mein Leben ist mit dieser Nachricht nicht zu Ende. Es hat sich geändert, aber es hört nicht einfach auf.

Als ich bei meinen Eltern war und ihnen sagte: „Schlechte Nachrichten überbringt man besser persönlich“, wussten sie sofort Bescheid. Natürlich haben wir wieder geweint. Zwei Freundinnen warteten auf Nachricht, was rausgekommen ist. Beide haben sofort alles stehen und liegen lassen und sind gekommen (zu meinen Eltern), und dort haben wir dann zusammen geweint und zusammen Mut geschöpft.

Nach diesem Montag habe ich nicht mehr geweint für lange Zeit. Ich war ruhig, gefasst, mein Leben ging weiter. Zweitweise war ich mir selbst sehr unheimlich, traute mir selbst nicht über den Weg. Ich konnte (und kann es eigentlich immer noch nicht) erklären, wieso meine Welt nicht zusammenbrach und ich nicht so geschockt war wie bei der Anfangsdiagnose. Nach über acht Jahren hat damit keiner mehr gerechnet.
Spüren tue ich die Metastasen nicht, sie sind klein. Im Nachhinein kann ich sagen, wann die Rippe gebrochen ist, das fühlte sich an wie eine Muskelzerrung und war nach drei Tagen wieder weg. Ich habe keinen einzigen Arbeitstag verpasst (warum auch? Geht mir doch gut.), ich habe alles weiter gemacht wie sonst auch. Natürlich habe ich viel Tagebuch geschrieben, viel gedacht, mich viel mit der neuen Situation auseinander gesetzt (die Therapie musste schließlich festgelegt werden). Aber ich war nicht am Boden zerstört.
Ein Wunder 🙂

Ich habe mich acht Jahre lang mit Krebs und Tod auseinander gesetzt, es kam nicht so unverhofft wie 2002. Vielleicht liegt der Grund darin. Keine Ahnung. Und es ist mir auch egal. Denn auch weiterhin lebe ich mein Leben, genieße es über weite Strecken. Was will man mehr?

Spannend wurde es noch mal, als es darum ging, welche Therapie jetzt angesagt ist. Nur so viel – nicht alle Ärzte können Patienten, die eine eigene Meinung haben, gut umgehen.

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2 Kommentare

  1. Sue said,

    14. August 2011 um 03:31

    Insgesamt hast Du wirklich gute Mediziner gehabt. Das hat Dir insgesamt ganz schön Zeit gebracht.
    Bei mir hat man fünf Rippenmetastasen zu Frakturen erklärt und mir damit ein noch recht frühzeitiges Reagieren genommen.

    lieben gruss sue

    • 14. August 2011 um 10:35

      Liebe Sue,
      da hast Du Recht, ich hatte großes Glück, dass es so gelaufen ist. Wenn die Ärtzin nicht das MRT vorgeschlagen hätte, wäre da ganz lange nichts passiert. Reiner Zufallsbefund!
      Ja, verdammtes Glück. Verstehen tun das aber die wenigstens, dass ich das so empfinde, da muss ich immer erklären und erklären …
      Liebe Grüße von Jenneke


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