Nachsorge (seit 2002)

Nachsorge bedeutet, dass in regelmäßigen Abständen nachgesehen wird, ob der Krebs zurück ist. Sei es an der ursprünglichen Stelle (Rezidiv) oder an anderer Stelle (Metastase).
Nachsorge ist sehr wichtig.

Nachsorge ist Folter.

Es ist jedes Mal wie ein bisschen Sterben. Nein, nicht jedes Mal. Manchmal habe ich mir gar keinen Kopf gemacht, bin da hingegangen zum Ultraschall, zur Mammographie, zum Röntgnen, zum Knochenszintigramm und habe nicht weiter darüber nachgedacht, worum es geht. Meistens hat es mich aber unruhig gemacht, ich hatte Angst. Manchmal nur einen Tag vorher, manchmal schon  zwei Wochen vorher. Das sind dann die Phasen, in denen ich mich bei jeder Blumenknospe gefragt habe, ob ich noch einen Frühling erleben werde. Oder ob seit der letzten Untersuchung schon wieder alles den Bach runtergegangen ist. Manches Mal bin ich da hingegangen mit dem Gefühl, das ist heute der letzte Tag, nach dieser Untersuchung ist wieder Land unter, dann ist das Leben zu Ende, weil der Krebs wieder da ist.
Über Wasser gehalten habe ich mich meistens damit, dass ich mir Folgendes gesagt habe: „Ob ich Angst habe oder nicht, es ändert nichts an den Tatsachen. Wenn tatsächlich der Krebs wieder da ist, dann ist es gut, wenn es schnell gefunden wird. Dann kann man noch was machen.“

Ich habe gedacht, es würde mit der Zeit einfacher werden. Aber ich bin Wissenschaftlerin genug, um wissen, wie Krebs auf Zellebene funktioniert. Und ich weiß, dass man eigentlich keine Chance hat, alle Zellen abzutöten, wenn sie schon gestreut haben sollten. Und gerade Brustkrebs ist bekannt dafür, dass er auch nach vielen, vielen Jahren wiederkommen kann. In der Reha habe ich eine Frau kennengelernt, die hatte nach 15 Jahren eine Metastase. Auch wenn die Jahre vergehen und die Chancen, dass der Krebs besiegt ist, mit den Jahren steigt – sicher kann man nie sein.

Im ersten Jahr wurde alle drei Monate geschaut, dann alle halbe Jahre. Das ging so weiter, Jahr um Jahr. Insgesamt wurde es einfacher, zur Nachsorge zu gehen, aber das war nicht immer der Fall. Manchmal war es gut, manchmal hat es mich sehr belastet. Auch nach Jahren noch.

Nie allerdings werde ich den 7,5-Jahres-Termin vergessen. Meine Onkologin und ich, wir hatten nie einen guten Draht zueinander. Ich mochte sie nicht, doch sie wohnt in der Nähe, und ich brauchte ja nur meine Überweisungen von ihr. Koordiniert habe ich ohnehin alles, wenn man als Patientin nicht seine ganzen Befunde und Belange selbst regelt, ist man eh verloren …
Also war ich mal wieder da, Tumormarker im Blut bestimmen lassen, Unterbauch-Ultraschall. Besprechung. Sie guckt auf ihren Bildschirm, sieht mich an und sagt: „Was machen Sie eigentlich immer hier? Das ist ja schon ewig her.“
Ich habe nur gesagt, da beide Untersuchungen nicht schädlich sind, würde ich sie gerne weiter machen. Sie hat nicht mit den Augen gerollt, aber so ein Gesicht hat sie gemacht. Das war das Ende unserer Arzt-Patient-Beziehung, aber das weiß ich da noch nicht. Aber als ich jetzt wieder einen Onkologen richtig brauchte, bin ich nicht zu ihr gegangen.

So gingen die Jahre ins Land, ich habe mein Leben genossen. Alles war gut, bis auf die Tage und manchmal Wochen, die ich in Angst verbracht habe, dass doch der Krebs wiederkommt.
Und als die Metastasen dann gefunden sind, ist doch alles ganz anders.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s