Ganz da und sich selbst genug

Weiter ging es in meinem Buch über die Muße mit dem Thema Meditation. Der wichtigste Satz, wie ich finde stand ziemlich am Ende des Kapitels, denn er beschreibt, warum Meditation wichtig ist:

„Das Glück der Meditation besteht in der ebenso schlichten wie wunderbaren Erfahrung, einmal ganz da und sich selbst genug zu sein.“

Klingt gut. Und wie geht das?
Ich hatte immer gedacht, Meditation hat mit Rumsitzen zu tun, aber es ist eher so, dass das Grundprinzip der Meditation darin besteht, sich vollständig auf etwas zu konzentrieren, und das immer zu wiederholen. Meditation sei nicht eine Frage der Tätigkeit sondern der Einstellung.
Jede Tätigkeit sei dazu geeignet, wichtig sei, eine Technik bis zur völligen Beherrschung zu erlernen, bis sie automatisch zur Verfügung steht. Das gilt für Rumsitzen ebenso wie Bogenschießen, Tanzen, Malen.

Oder Joggen?

So habe ich das noch nie betrachtet, und doch habe ich schon die Erfahrung gemacht, dass nach etwa 20 Minuten, wenn das Laufen sich so richtig rund anfühlt, die Gedanken davontreiben und mir die putzigsten Ideen kommen.
In der Meditation heißt es, sich nicht von diesen Gedanken ablenken zu lassen, sich nicht mitreißen zu lassen. Bei manchen Gedanken ist das ja sinnvoll, sie ins Leere laufen zu lassen (vorzugsweise die irrationalen Gedanken über den Brustkrebs oder das Lamentieren über die Arbeit). Aber einigen Ideen folge ich doch ganz gerne, um zu sehen, was dabei heraus kommt.
Aber manchmal … manchmal ist da gar nichts in meinem Kopf, da laufe ich nur, atme, höre meine Schritte auf dem Kies, das Plätschern des Kanals und die singenden Vögel. Und das ist auch herrlich und immer willkommen.

Meditiere ich also schon?

Möglich. Es kommt allerdings doch recht selten vor, diese Ruhe im Kopf. Und das ist schade. Das Ende des Kapitels stellt noch eine Atemmeditation vor, bei der man sich aufrecht und bequem hinsetzen soll, nur auf seinen Atem konzentrieren.
Ich werde es also doch mal mit dem Rumsitzen ausprobieren und das bis zur völligen Beherrschung üben 😉

Nickerchen statt Nachtschlaf?

Gestern hatte ich endlich mal wieder Zeit, in meinem Buch über die Muße zu lesen.
In diesem Kapitel ging es um den Schlaf. Es wurde hier eindrücklich beschrieben, wie wichtig das Schlafen ist für die körperliche und die geistige Regeneration ist. Man lernt besser mit einem tiefen, guten Schlaf, ist ausgeglichener und leistungsfähiger.

Hmm.

Ich schlafe ja nicht immer schlecht, aber doch nicht annähernd so gut wie früher. Gestern Nacht zum Beispiel war wieder typisch: konnte kaum die Augen auf halten, aber sobald ich im Bett lag, war’s vorbei mit müde und ich wälzte mich hin und her, obwohl ich eigentlich gerade keine schweren Gedanke schiebe. Da ich manchmal immer noch das Gefühl habe, ich bilde mir das doch ein, bin ich dickköpfig im Bette liegen geblieben, aber geschlafen habe ich da fast eineinhalb Stunden nicht. Resigniert aufgestanden, aufs Sofa umgezogen … die DVD hat es dann gebracht. Aber insgesamt war’s mal wieder zu kurz.

Ich kann nicht behaupten, dass es mir schlecht ginge, aber die alte Leistungsfähigkeit habe ich auch nicht. Und das liegt sicher zu einem großen Teil an dem ungleichmäßigen Schlaf. Doof, da nicht zu ändern mit der AHT. 😦

Es gibt aber einen Lichtblick – das Nickerchen am Tage. In dem Buch werden viele glorreiche Erfinder geprisen, die angaben, kaum nachts zu schlafen, doch sie taten dies dann am Tage … Der Mittagsschlaf bringe neue Kraft, mehr Aufmerksamkeit für den Nachmittag und auch bessere Kreativität.

Also habe ich mich heute Mittag hingelegt, vollgegessen und überhaupt nicht müde, Wecker auf 30 Minuten (schließlich muss ich ja auch arbeiten irgendwann). Augen zu. Pfft. Geht nicht. Bin doch voll wach, das bringt alles gar nichts. Zu hell hier. Muss noch diese Email schreiben. Hätte ich doch den Schlafi anziehen sollen? Die Dokumente nicht vergessen. Was bringen denn 30 Minuten …
Und dann rappelte der Wecker, ich schreckte hoch aus meinem Nickerchen. Ich war doch tatsächlich über diesen ach so wichtigen Gedanken eingepennt … und irgendwie voller Tatendrang, als ich dann aufwachte.

Erstaunlich. Das Experiment wird in jedem Fall weitergeführt 😀

selbstbestimmt leben

Angeregt von der Zen-Weisheit habe ich lange im Internet nach einem Buch gesucht, das in diese Richtung geht. Entschieden habe ich mich letztendlich für „Muße“ von Ulrich Schnabel (ISBN: 978-3-89667-434-0). Der Untertitel „Vom Glück des Nichtstuns“ schreckte mich etwas ab (ich will je nicht nichts tun, ich will ja bewusst tun), aber die Beschreibung sprach von Alternativen zu „immer mehr“ und „immer schneller“ und den „Pol der Ruhe in uns finden“. Und warum weniger auch mehr sein kann. Klang gut, fand ich. Ein Anfang, sich dem zu nähern.

Als das Buch kam, begann ich gleich zu lesen. Guter Schreibstil, angenehm zu lesen, einsichtige Beschreibungen. Doch auf Seite 46 blieb ich schon stecken. Der Autor sprach davon, dass Zeitdruck sich nicht in Minuten messen ließe, sondern vielmehr sei es entscheidend, den Rhythmus der Zeiteinteilung selbst zu bestimmen. Wichtig sei, dass wir uns als Herren unserer Zeit empfinden.

Ja, das kenne ich von mir, aber weniger bei der Arbeit als in der Freizeit. Wenn alle was wollen, die Anfragen und Verpflichtungen Überhand nehmen, dann wird mir selbst die kleinste Aufgabe zu viel – keine Lust mehr. Zu fremdbestimmt. Viel zu tun, stört mich nicht, aber ich mache das, wann ich will.

Doch dann hieß es, es sei entscheidend, selbst die Kontrolle über die eigenen Lebensbedingungen zu haben, um ein stressfreies Leben zu führen.
Schnabel sprach noch von Arbeit und Freizeit, aber ich dachte sofort an Krebs. Denn ich bestimme nicht meine Lebensbedingungen, der Krebs tut es. Wann ich  zum Arzt muss, welche Medikamente ich schlucke, was ich aufgrund der Nebenwirkungen machen kann und was nicht. Auch wie viel Lebenszeit mir noch bleibt. Das hat mit selbst bestimmen nicht viel zu tun.

Das ist krebsbestimmt.

Ich habe das Buch weggelegt, geschockt irgendwie. Wie sollte ich in dieser Situation meine Lebensbedingungen kontrollieren? Der Krebs wird meinen Körper irgendwann auffressen, ob ich das will oder nicht. Die Metastasen werden nicht ewig so friedlich sein wie jetzt. Ich hatte (mal wieder) das Gefühl, mir gleitet mein Leben aus den Händen. Was soll ich kämpfen? Unkontrollierbarkeit ist das Wesen von Krebs. Daran kann ich nichts ändern. Lohnt nichtm, es zu versuchen.
Bei so schlechten Rahmenbedingungen … wenn ich gesund wäre … aber so …

Doofes Buch, mich darauf zu stoßen, dachte ich. Aber es rumorte weiter. Jeder hat irgendwelche Rahmenbedingungen, in denen er lebt, niemand weiß, wie viel Zeit er noch hat, was ihn erwartet. Sollte das nicht ein Vorteil sein, dass ich es weiß?
Nein, nicht wirklich. Aber warum sollte es mich abhalten, wenn es doch jedem so geht? Mir ist es nur bewusster als anderen, durch den Krebs. Aber jetzt sind meine Lebensbedingungen gut, sehr gut sogar. Was also sollte mich daran hindern, mein Leben und meine Zeit selbst zu bestimmen? Sie stressfrei zu genießen? Jetzt?

Es dauerte ein paar Tage, dann war mir klar, dass ich wieder in die Falle getappt war. Statt im Jetzt zu leben (jetzt geht es mir gut), das Leben jetzt zu genießen, jetzt bewusst zu leben und zu gestalten, habe ich mich von einer Zukunft terrorisieren lassen, die noch gar nicht da ist. Was auch immer ich mir jetzt vorstellen mag für meine Zukunft, es kommt doch sowieso anders. Das tut es immer.

Willkommen im Jetzt, Jenneke. Genieße es.

Am Wochenende lese ich weiter. Ich bin gespannt, was ich da noch so finde …