Stress ist nicht gleich Stress

Der August war heftig. Unser Projekt geht jetzt ernsthaft los, wir hatten die beiden einführenden Treffen mit den verschiedenen Gruppen, die beteiligt sind. Sehr, sehr viel Vorbereitung von unserer Seite. Das Ganze umfasste auch diverse Vorträge meinerseits vor wechselndem Publikum, zum Teil um die 40 Leute, mal auf Englisch, mal auf Deutsch.

Es war mir unglaublich wichtig, dass es gut läuft. Ich habe das letztes Jahr nicht so ausführlich hier beschrieben, aber ich wurde ein drittes Mal zum Bewerbungsgespräch gebeten für die Stelle, weil ich beim zweiten Gespräch (ein kleines Assessment Center) einen nervösen Eindruck gemacht hatte. Das wurde von der Firma als „Nervosität vor Leuten“ aufgefasst, dabei waren nichts weiter als die Auswirkungen des Stagings, das zu Beginn der Woche gewesen war.
Um so wichtiger war es mir, jetzt zu beweisen, dass sie es richtig gemacht haben, mich trotzdem einzustellen. Dass ich das kann, vor Leuten zu sprechen.

Die Vorbereitungen waren der Hammer. So viele Überstunden in einem Monat hatte ich wohl noch nie. Aber es hat sich ausgezahlt, und beide Meetings sind gut verlaufen. Ich habe sogar Komplimente für meinen Vortragsstil bekommen 😀

Es war eine sehr stressige Zeit, und auch lang mit fünf Wochen. Und doch hat es mir nicht annähernd so viel Probleme bereitet wie der Stress, den mir der Krebs macht. Sicher, ich war genervt zwischendurch, das war körperlich und geistig anstrengend. Aber nach einem ruhigen Wochenende war alles wieder gut.

Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, was die Krankheit mit mir macht. Ich bin nicht weniger belastbar, das habe ich gerade gezeigt. Wenn ich „Krebspause“ habe, kann ich unter Druck produktiv sein, gute Arbeit abliefern und mich dann wieder erholen. Das ist wie früher, vielleicht bin ich sogar abgeklärter geworden, cooler dabei. Ich war nicht mal sehr aufgeregt, als ich vor diesen ganzen Leuten stand …

Doch sobald das nächste Staging wieder ansteht, werde ich zum Nervenbündel. Dann bricht in mir wieder alles zusammen, und ich habe eine Heidenangst, wie dann die nächsten Vorträge laufen. Denn es kommen noch welche, drei Stück. Und das nächste Staging liegt mitten drin …

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Etwas läuft falsch …

… wenn der Tag mit dem Gedanken anfängt: „Mist, schon sechs Uhr.“

2013

Auch für dieses Jahr habe ich eine Wunschliste für die nächsten 365 Tage. Wie 2012 werde ich sie bis zum 31.12. ignorieren und schauen, wohin mich das Leben geführt hat in dem Jahr.
Wie zuvor ist die Liste nicht erschöpfend und bis auf den ersten Punkt, der mir natürlich am Wichtigsten ist, nicht als Reihenfolge zu verstehen.

  • Gesundheit (in meinem Fall – kein weiteres Metastasenwachstum)
  • viel Zeit für mich
  • Meditieren lernen
  • eine neue Rose pflanzen
  • viel Zeit mit meinen Lieben
  • 10 km laufen
  • den Roman beenden
  • Zeit mit meinen vier Nichten verbringen
  • mein Bücherregal ausmisten/aufräumen
  • mindestens eine Urlaubsreise, besser zwei!
  • Spaß haben!
  • mehr im Garten machen
  • ein Gewicht mit einer 7 vorne erreichen
  • Skydive oder Paragliding
  • einen entspannten Ehemann
  • mehr fotographieren
  • die Gartenterrasse bauen
  • mehr lesen
  • etwas stricken (z.B. einen Pullunder)
  • mal wieder ein Aquarell malen

Wenn mir danach ist, werde ich an meinem Zweit-Geburtstag, dem 9. Januar, einen Jahresrückblick schreiben 🙂

Ich wünsche Euch ein geruhsames und gesundes Neues Jahr! Möge es ein gutes Jahr werden!

auf und davon …

Es ist überstanden, schön war’s nicht, aber immerhin vorbei jetzt. Alles erledigt, alles geschafft und hoffentlich keine Leichen hinterlassen. Kisten sind gepackt, werden morgen noch abgeholt. Mehr gibt’s gerade nicht zu sagen, bin einfach kaputt und irgendwie auch leer.

Ein bisschen macht mir das Sorgen, schließlich geht es bald wieder rund, und ich möchte mit Elan den neuen Job anfangen. Ich hoffe, der Kurzurlaub schafft es, meinen Speicher wieder aufzufüllen, im Augenblick ist da an Energie nicht viel zu holen.

Deswegen mache ich mich jetzt vom Acker, Koffer packen und dann sind wir schon weg. 🙂

Anschlag

Im Moment drehe ich am Anschlag, habe ich das Gefühl. Ständig fällt mir was ein, was ich noch klären muss. Was ich noch machen muss. Überall liegen Listen, halb abgearbeitet. Wie viel einfacher wäre doch mein Leben gerade, wenn ich mich nicht beworben hätte!

Aber ich bin froh, dass ich es gemacht habe. Und noch glücklicher, dass es geklappt hat 😀 Die Reaktionen meiner derzeitigen Arbeitskollegen sind recht durchwachsen. Viele freuen sich für mich, manche sind neidisch, andere sehen nur, dass ihnen das jetzt Arbeit macht, weil ich abhaue.
Erst hatte ich ein schlechtes Gewissen, aber das ist jetzt weg. Mal an mich zu denken, fühlt sich gut an 🙂

So langsam muss ich dann auch an die Therapieplanung denken … aber da komme ich allein nicht weiter. Da muss ich beim nächsten regulären Termin Ende Juni mal mit der Ärztin sprechen. Im Augenblick ist mir danach, das Bondronat einfach ausfallen zu lassen – schließlich haben die Bisphosphonate eine Halbwertzeit von mehreren Jahren im Knochen. Was kann es da ausmachen, einmal auszusetzen? Und das Faslodex? Vielleicht kann ich eine befreundete Krankenschwester dazu kriegen, dass ich sie mal an einem Wochenende „heimsuche“ … oder ich jubele mir das Zeugs selbst rein 😉

Derzeit ist alles aufregend, glücklicherweise positiver Streß. Aber eben Streß. Ich nehme mir die Ruhepausen, aber es fallen dabei dann natürlich andere Dinge hinten runter, für die dann keine Zeit und/oder Kraft mehr übrig ist. Aber ich komme ja langsam in Übung, was das „an mich denken“ angeht 🙂

Unruhe

Selten hat mich etwas so beschäftigt wie dieses Bewerbungsverfahren. Wieder und wieder spuken Situationen durch meinen Kopf, vergangene und mögliche zukünftige, und ich komme nicht richtig zur Ruhe. Ich war so darauf gepolt gewesen, dass sich das bald entscheidet … und nun zieht es sich wie ein Kaugummi.
Das tut mir nicht gut, ich bin unruhig und kann gerade wieder nicht abends nicht einschlafen. Komme morgens nicht raus und bin leichter reizbar. Doof.

Und das Ganze setzt mich als Bewerber, sollten sie mich wirklich nehmen, sehr unter Druck. Wer so sorgfältig ausgesucht wurde, darf nicht versagen. Ich führe jetzt schon im Geiste Gespräche, sollte das alles rauskommen. Erst letztens ist jemand, den ich über das Netz kenne, in der Probezeit wieder gekündigt worden, weil eine Krankheit verschwiegen wurde. 😦

Ich muss mich sehr am Riemen reißen, nicht zu kneifen. Ich will diesen Job und gleichzeitig habe ich Angst, dass ich damit gegen die Wand fahre. Vielleicht wäre es besser, wenn … Nein, wäre es nicht! Basta.

Ich hoffe nur, dass dieses Elend nächste Woche ein Ende hat. So oder so.

Vom Regen in die Traufe

Eigentlich ein schlechter Titel, denn er suggeriert etwas Negatives. Dabei sind die Befunde der Untersuchungen super! Und auch, dass ich morgen ein weiteres Gespräch habe, ist ja positiv zu sehen. Und doch stimmt der Titel, denn er bezieht sich auf meine Nervosität …

Jetzt, wo die Untersuchungen vorbei sind, geht die Aufregung darüber langsam wieder weg. Noch hat sie mich nicht ganz verlassen, so schnell geht das leider nicht. Und doch muss ich jetzt zusehen, dass ich abschalte, um mich auf das Gespräch morgen vorzubereiten.
Ich habe Schiss davor, dass das mit meinem derzeitigen Arbeitgeber schief geht. Ich habe keinen Urlaub genommen, habe ein paar Sachen „aufgespart“, die ich im Zug arbeiten kann. Es weiß keiner, dass ich unterwegs sein werde. Ich hoffe, es kommen nicht so viele Anrufe … ich will mich nicht verraten, dass ich nicht da bin.

Und dann das Gespräch … je länger ich mich mit dem neuen Job beschäftige, desto lieber möchte ich ihn haben. Das macht mich natürlich nicht wirklich entspannt für morgen.
Mit meiner Psychologin hatte ich letzte Woche auch über das Thema „schlechtes Gewissen“ wegen der Bewerbung gesprochen. Den Zahn hat sie mir gezogen. Sie meinte, ich sollte das nicht so eingeschränkt sehen. Ich könnte überhaupt nicht einschätzen, ob es der Firma nicht etwas bringen würde, selbst wenn ich nur ein Jahr für sie tätig sein könnte (sie hat es absichtlich überspitzt ausgedrückt). Also kein Grund zum schlechten Gewissen. Sie fand es außerdem völlig legitim, so eine persönliche Sache wie eine Erkrankung für sich zu behalten – zu meinem Schutz, aber auch zum Schutz der anderen. Denn aus Erfahrung wissen wir ja alle, wie schwer sich manche Mitmenschen damit tun, einem Krebskranken normal gegenüber zu treten. Das schaffen nicht so viele.

Recht hat sie, es steht mir zu, mich zu bewerben, und ich habe es verdient, den Job zu bekommen, wenn Qualifikation und der Nasenfaktor stimmen. Die Quali passt, und den Rest werden wir morgen sehen.

Stresstest

Es kam, wie es kommen musste.

Ich hatte die Wahl, die unverbindliche zweite Runde („nur“ ein kleines Assessmentcenter) entweder am Freitag vor dem Staging anzutreten (und damit den nächsten Psychotermin zu kippen) oder am Donnerstag nach dem Staging.

Pest gegen Cholera.

Beides totaler Mist. Vor dem Staging gehe ich auf dem Zahnfleisch und hinterher brauche ich auch immer Tage, um von dem Trip wieder runter zu kommen. Später wollten sie das Gespräch nicht, weil es sonst alles zu knapp würde. Vorher ging auch nicht. Was für ein Elend.
Und immer schön professionell und höflich am Telefon bleiben, obwohl mir einfach nur zum Heulen zu Mute war, weil eigentlich beides nicht geht. Ich habe mich irgendwann drauf zurück gezogen, dass ich klären muss, ob ich einen beruflichen Termin verschieben kann, und versprach am nächsten Tag zurückzurufen.

Warum tue ich mir das überhaupt an? Warum nicht alles so lassen, wie es ist? Ist die Belastung durch das 15-wöchige Staging nicht schon genug? Muss ich mir da noch einen neuen Job aufladen? Samt Kündigung und Aufräumen im alten Job und Einstellen auf den neuen?
Warum?
Weil mein derzeitiger Arbeitgeber wenig Rücksicht auf lange erkrankte Mitarbeiter nimmt (die kommen alle nicht wieder …). Weil ich es entweder jetzt tue oder nie. Je länger ich warte, desto schlechter werden meine Karten. Nicht nur auf dem Arbeitsmarkt (meine Kolleginnen haben auch nur ein Jahr weniger Berufserfahrung, sind aber 10 Jahre jünger …), vor allem mit der Krankheit. Jetzt geht es mir gut. Jetzt hat eine sanfte Therapie die Metastasen im Griff. Wie lange? Keine Ahnung. Mit meinen gut 1,5 Jahren gelte ich als langzeitstabil. Vielleicht hält es noch mal so lange, vielleicht ist es damit schon in zwei Wochen vorbei.

Ich muss dauernd dran denken, was für ein gefährliches Spiel ich hier treibe. Was passiert, wenn ich nicht noch ein Jahr gesund bleibe (bis die Probezeit vorbei ist)? Dann habe ich mich selbst ins Aus manövriert, und das gehörig. Keine Ahnung, ob man mich behalten würde. Mal ganz abgesehen davon, die Leute, mit denen ich wirklich gerne zusammenarbeiten möchte, zu enttäuschen (weil ich sie getäuscht habe).

Ich habe am nächsten Tag angerufen und den Donnerstag nach dem Staging bestätigt. Wenn es schlecht ausfallen sollte, nehme ich mich eh aus dem Rennen, dann habe ich andere Sorgen als ein Bewerbungsgespräch.
Ich habe keine Ahnung, ob ich das alles hinkriege. Kann ich das aushalten? Den Druck vom Staging und vom zweiten Gespräch? Oder versemmele ich das Assessmentcenter eh in so einer Situation? Es kam schon der Gedanke „vielleicht ist es besser, wenn es nicht klappt“, aber der ist gefährlich. Selbst-erfüllende Prophezeiung …

Vielleicht lache ich in fünf Jahren darüber, weil es mir dann immer noch gut geht und ich einen (verzeiht) geilen Job in einer schwierigen Lage ergattert habe. Vielleicht auch nicht.

Nur die Zeit wird zeigen, ob ich es richtig mache. Aber versuchen muss ich es, sonst habe ich schon aufgehört zu leben.

Psycho-Onkologie, die zweite

Muss mal ein bisschen Motzen. Ich fühle mich von meiner Psychologin veräppelt, und das ist nicht gut.

Ich hatte ja schon geschrieben, dass ich mich nicht belastbar fühle, dass ich gestresst bin, Arbeit, Freizeit oder Krebs, keine Ahnung (oder alles zusammen). Meine Psychologin wollte jedenfalls nix von „ich bin nicht mehr so belastbar“ hören. Sie münzte das um in „ich könnte, wenn ich wollte. Aber ich will nicht mehr.“
Ach? Meine Prioritäten wären dabei, sich zu verschieben, ich will jetzt einfach mehr für mich machen und weniger arbeiten.

Ihr Ziel ist es, dass ich mit meiner Lebenssituation besser klar komme. Ist auch mein Ziel. Aber mir einzureden, meine Freizeit wäre mir jetzt wichter als die Arbeit … mit Verlaub, das war schon immer so. Ich habe immer sehr viel Zeit in meine Hobbies gesteckt. Natürlich gab es Zeiten, wo das etwas zurückgestanden ist, weil beim Job gerade viel zu tun war. Aber grundsätzlich geändert hat sich meine Einstellung jetzt nicht (allenfalls 2002, als der Krebs kam).
Darauf jetzt abzuheben, kommt mir vor wie … Manipulation? Mich für dumm verkaufen? Mir was einzureden, damit ich mich toll fühle? Ich weiß nicht. Es fühlt sich an, als würde sie mich auffordern, mich vor den Tatsachen zu drücken, und das will ich nicht.

Sie hält mich eh für zu rational. Meine Aussage, der Krebs wird irgendwann wieder wachsen, das ist eine Frage der Wahrscheinlichkeit, ich weiß nur nicht, wann das passiert, hat sie nicht kommentiert. Weil sie das nicht dementieren kann, nehme ich an. Ich rechne damit, dass ich irgendwann eine Chemo machen werde, beim nächsten Progress oder wann auch immer. Krankengeld ist 70% vom Gehalt. Kein Problem, aber wenn ich jetzt Stunden reduziere, wird es ein Problem. Keine Unabhängigkeit mehr. Keine teuren Urlaube mehr. Aber solche Überlegungen zählen offenbar nicht, sie hebt nur auf mein Gefühl ab, dass ich gestresst bin. Wie sehr es mich allerdings stressen würde, wenn wir unser Haus nicht mehr bezahlen können, darüber scheint sie sich keine Gedanken zu machen. Hat ja nichts mit dem Krebs zu tun.

Ich weiß, ich bin ungerecht. Aber irgendwie funktioniert das so bei mir nicht. Ich bin da nun mal Realist und kenne die Fakten, ich will mir das nicht Schönreden. Oder es ist nicht der richtige Ansatz, mich zu erreichen. Oder nicht die wahre Baustelle. Oder ich bin einfach beratungsresistent und es ging mir wirklich besser, wenn ich das so sehen könnte. Vielleicht bemühe ich mich nicht genug? Ich weiß nicht.
Es war als Krisenintervention vor Staging gedacht, aber seit dem letzten Staging jetzt hatte ich drei Termine. Und jetzt noch einen vor dem nächsten. Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt. Über meine Progressionsangst haben wir fast gar nicht gesprochen. Statt dessen steht im Arztbrief über unser erstes Treffen sinngemäß: Strategien im Falle eines unerwartet schlechten Befunds beim Staging erarbeiten. Unerwartet? Das hinterläßt bei mir das Gefühl von „ich rede mir meine Angst ein“. Ich glaube, seit ich das gelesen habe, hat das Ganze einen Knacks bekommen.

Lösung? Vielleicht muss ich sie nach einer Empfehlung für einen Niedergelassenen fragen und dann halt warten, ehe ich da regelmäßige Gespräche machen kann. Keine Ahnung. Ich finde das nicht grundsätzlich schlecht, aber so …

Projekt 10

Nach dem Urlaub war ich ein paar Mal laufen, und immer kam es mir so vor, als wäre ich viel zu schnell wieder zuhause. Nicht, dass ich besonders schnell gelaufen wäre, oder dass ich noch so viel weiter gekonnt hätte. Aber ich hatte das Gefühl, ich würde gerne noch.

Den ganzen Winter hatte ich überlegt, was ich denn mit dem Laufen will. Spaß, ja klar, aber wie? Schneller oder weiter? Auch wenn die 10 Kilometer schon auf der „Wünsche für 2012“ standen, so ganz klar war mir das noch nicht.

Nach meiner Urlaubspause war es nun ganz klar. Nicht schneller aber weiter. 😀 Und da mit ist das Ziel für 2012:

10 Kilometer Joggen

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