Pumpen mit Gschmäckle

Ich gehe jetzt seit fast eineinhalb Jahren ins Sportstudio, und ich liebe die Geräte. Ich mag das Bewegen von Gewichten (Pumpen 🙂 ), finde es gut, wenn ich ab und an mal eine Stufe höher stellen kann, weil es zu leicht geworden ist. Ich gehe gerne hin, das ist kein Überwinden, das ist ein Stück Auszeit und macht einfach Spaß. Kein Zwang dahinter, nur Spaß in der Muckibude. Wenn ich nicht gehen kann, ärgert es mich.

So zumindest ist es bisher gewesen. Jetzt hat das Sportstudio einen Beigeschmack bekommen. Jetzt heißt es, ich sollte was für meinen Rücken tun, sollte das muskuläre Gleichgewicht halten, sollte Fitness betreiben, damit ich gesund bleibe. Und das, weil ich wegen Brustkrebs eine komplizierte Operation hatte und mein Körper versehrt ist.
Und was passiert? Plötzlich wird das Studio zur Pflicht. Ich gehe weniger als vorher. Weil ich gehen sollte.

Doof 😦

Ich habe natürlich auch vorher schon gemerkt, dass mir das Studio gut tut, dass ich fitter bin und weniger Probleme habe beim Sitzen, dass mir meine kleinen Finger am Schreibtisch nicht mehr einschlafen, dass ich mich wieder mit der Kraft meiner Muskeln aufsetzen kann, ohne dabei wie ein gestrandeter Wal auszusehen. Dass ich im Garten nicht so schnell schlapp mache. Aber ich habe das gemacht, weil es mir Spaß gemacht hat, weil es mir gut tut.
Das tut es natürlich immer noch, aber jetzt steht da mehr dahinter als vorher (zumindest in meinem Kopf). Wenn ich früher keine Lust hatte, dann bin ich trotzdem gefahren, weil ich wusste, dass es mir Spaß macht, wenn ich einmal dort bin. Wenn ich jetzt keine Lust habe, werde ich trotzig und bleibe mit dem Popo zuhause.

Wie bekloppt.

Es nervt mich, dass ich meine Unbeschwertheit verloren habe. Warum lasse ich mich davon so beeindrucken? Es ändert doch nichts an der guten Zeit auf den Geräten, wie gut es sich anfühlt, wenn sich die Muskeln anspannen und die Gewichte sich bewegen. Nur der Kopf ist anders.

Ich hoffe inständig, dass ich das wieder in den Griff kriege. Dass die Erkenntnis, wie dumm das doch ist, dazu führt, dass wieder der Spaß im Vordergrund steht. Sonst kann ich den Vertrag nach zwei Jahren auslaufen lassen, weil ich nicht mehr hingehe …

Jahr 10 beginnt … eine Glücksstory!

Heute vor neun Jahren war die erste Operation. Heute vor neun Jahren habe ich erfahren, dass ich Krebs habe. Ich gehe jetzt in das zehnte Jahr mit der Krankheit.

Die Gedanken, welche die meisten Leute haben, wenn sie von meiner Erkrankung hören, ist grundweg negativ. Natürlich, das ist das Bild, das man von Krebs hat, wenn man sich nicht damit beschäftigt. Krebs ist eine tödliche Krankheit, an Krebs stirbt an. Tschüß, Jenneke, hat Spaß mit Dir gemacht.
Aber so ist es nicht. Ich habe die Krankheit seit neun Jahren und hoffentlich noch viel länger! Sie wird mich bis an mein Lebensende begleiten (wann auch immer das sein wird), aber sie muss nicht Schuld an meinem Tod sein (auch wenn das doch recht wahrscheinlich ist). Sie ist ein Teil von mir. Seit neun Jahren.

Und was habe ich für ein Glück gehabt! Ich habe den Tumor selbst entdeckt, und ich war vernünftig genug, zum Arzt zu gehen, zwei Mal sogar. Ich hatte das Glück, vernünftige Ärzte zu haben und die Therapien gut zu vertragen. Und auch jetzt, als es um die Metastasten ging, hatte ich großes Glück. Ich merke nichts davon, weil sie noch so klein sind. Sie wurden zufällig entdeckt, eine Randerscheinung bei einer außerplanmäßigen Untersuchung.
Noch glücklicher schätze ich mich, weil ich von so vielen Seiten Hilfe und Zuwendung erfahren habe. Von meinem (jetzt-) Ehemann, meiner Familie, meinen Freunden, meinem (damaligen) Arbeitgeber. Das ist nicht selbstverständlich.

Ein paar Tage, nachdem ich von der Metastasierung erfahren habe, habe ich zu meinem Bruder gesagt: „Es war die beste Zeit, die ich je hatte. Ich habe bewusst gelebt und viel gemacht, was mir Spaß macht. Was hätte ich alles verpasst, wenn ich damals aufgegeben hätte!“
Und das gilt immer noch. Auch seit Juni, seit die Krankheit diesen neuen Stand erreicht hat, habe ich tolle Tage gehabt und viel Schönes erlebt. 🙂

Natürlich bringt die Krankheit auch Kummer, schwere Gedanken und schwierige Stunden für mich und meine Lieben. Aber ich weiß, ich werde noch viele, viele schöne Tage erleben und wunderbare Dinge tun. Und ich tue es bewusst, zusammen mit meinem Mann, meinen Freunden, meiner Familie.

Es ist verrückt, aber irgendwie ist unser Leben durch die Krankheit reicher geworden.