selbstbestimmt leben

Angeregt von der Zen-Weisheit habe ich lange im Internet nach einem Buch gesucht, das in diese Richtung geht. Entschieden habe ich mich letztendlich für „Muße“ von Ulrich Schnabel (ISBN: 978-3-89667-434-0). Der Untertitel „Vom Glück des Nichtstuns“ schreckte mich etwas ab (ich will je nicht nichts tun, ich will ja bewusst tun), aber die Beschreibung sprach von Alternativen zu „immer mehr“ und „immer schneller“ und den „Pol der Ruhe in uns finden“. Und warum weniger auch mehr sein kann. Klang gut, fand ich. Ein Anfang, sich dem zu nähern.

Als das Buch kam, begann ich gleich zu lesen. Guter Schreibstil, angenehm zu lesen, einsichtige Beschreibungen. Doch auf Seite 46 blieb ich schon stecken. Der Autor sprach davon, dass Zeitdruck sich nicht in Minuten messen ließe, sondern vielmehr sei es entscheidend, den Rhythmus der Zeiteinteilung selbst zu bestimmen. Wichtig sei, dass wir uns als Herren unserer Zeit empfinden.

Ja, das kenne ich von mir, aber weniger bei der Arbeit als in der Freizeit. Wenn alle was wollen, die Anfragen und Verpflichtungen Überhand nehmen, dann wird mir selbst die kleinste Aufgabe zu viel – keine Lust mehr. Zu fremdbestimmt. Viel zu tun, stört mich nicht, aber ich mache das, wann ich will.

Doch dann hieß es, es sei entscheidend, selbst die Kontrolle über die eigenen Lebensbedingungen zu haben, um ein stressfreies Leben zu führen.
Schnabel sprach noch von Arbeit und Freizeit, aber ich dachte sofort an Krebs. Denn ich bestimme nicht meine Lebensbedingungen, der Krebs tut es. Wann ich  zum Arzt muss, welche Medikamente ich schlucke, was ich aufgrund der Nebenwirkungen machen kann und was nicht. Auch wie viel Lebenszeit mir noch bleibt. Das hat mit selbst bestimmen nicht viel zu tun.

Das ist krebsbestimmt.

Ich habe das Buch weggelegt, geschockt irgendwie. Wie sollte ich in dieser Situation meine Lebensbedingungen kontrollieren? Der Krebs wird meinen Körper irgendwann auffressen, ob ich das will oder nicht. Die Metastasen werden nicht ewig so friedlich sein wie jetzt. Ich hatte (mal wieder) das Gefühl, mir gleitet mein Leben aus den Händen. Was soll ich kämpfen? Unkontrollierbarkeit ist das Wesen von Krebs. Daran kann ich nichts ändern. Lohnt nichtm, es zu versuchen.
Bei so schlechten Rahmenbedingungen … wenn ich gesund wäre … aber so …

Doofes Buch, mich darauf zu stoßen, dachte ich. Aber es rumorte weiter. Jeder hat irgendwelche Rahmenbedingungen, in denen er lebt, niemand weiß, wie viel Zeit er noch hat, was ihn erwartet. Sollte das nicht ein Vorteil sein, dass ich es weiß?
Nein, nicht wirklich. Aber warum sollte es mich abhalten, wenn es doch jedem so geht? Mir ist es nur bewusster als anderen, durch den Krebs. Aber jetzt sind meine Lebensbedingungen gut, sehr gut sogar. Was also sollte mich daran hindern, mein Leben und meine Zeit selbst zu bestimmen? Sie stressfrei zu genießen? Jetzt?

Es dauerte ein paar Tage, dann war mir klar, dass ich wieder in die Falle getappt war. Statt im Jetzt zu leben (jetzt geht es mir gut), das Leben jetzt zu genießen, jetzt bewusst zu leben und zu gestalten, habe ich mich von einer Zukunft terrorisieren lassen, die noch gar nicht da ist. Was auch immer ich mir jetzt vorstellen mag für meine Zukunft, es kommt doch sowieso anders. Das tut es immer.

Willkommen im Jetzt, Jenneke. Genieße es.

Am Wochenende lese ich weiter. Ich bin gespannt, was ich da noch so finde …