Zwangspause

Das Becken ist gestanzt, schlimm war es nicht, aber ich hätte gerne auf den Augenblick verzichtet, als die Ärztin mit deutlicher Besorgnis in der Stimme sagte, dass die Nadel jetzt verbogen sei und sie hoffentlich nicht abbricht (im Knochen). Tat sie nicht, glücklicherweise.
Am Ende hatte sie vier Bröckchen, nicht viel, aber es wird hoffentlich reichen. Wenn nicht – zurück auf Los.

Der Befund wird (mindestens) bis Ende der nächsten Woche dauern. Während ich gestern nach der Untersuchung noch fest entschlossen war, diese Woche Zwangspause vor dem Thema zu genießen (und auch recht gute Laune hatte), laufe ich heute wie ein Gespenst durch die Gegend und weiß nichts mit mir anzufangen. Bin latent davor, in Tränen auszubrechen und habe keine Idee, wie ich mich ablenken kann. Sport darf ich nicht, immerhin haben sie ja gestern erst den Knochen angebohrt.

Alles Mist 😦

Verkriechen

Das CT war leider auch der Meinung, dass mein Becken Strukturen enthält, die da nicht hingehören. Auch der Befund spricht von Metastasen, aber eigentlich passt das alles jetzt noch weniger zusammen als vorher. Alle Widersprüche sind noch da – und noch mehr.
Mein Becken zeigt zwei Sorten von Auffälligkeiten. Runde Strukturen, die aussehen wie Blasen im Knochen und etwas, das aussieht, als hätte man mit dem Salzstreuer auf das CT-Bild gestreut. Beides passt nicht wirklich zu dem, was das MRT gezeigt hat. Die blasigen Strukturen (3 Stück) sind groß, das eine Teilchen 1,8cm, die anderen über einen 1cm. Für 3 Monate Wachstum zu groß. Es ist glatt begrenzt, das seltsam ist für eine Metastase, und sie ist streng im Knochen, die Knochenhaut ist glatt, nicht zerfressen, nicht ausgebeult. Untypisch.
Das andere Gestreusel sieht eher aus wie Metastasen, doch mit der Struktur hätte man es im MRT vermutlich nicht gesehen. Das ist möglicherweise alt. Die Veränderungen am Knochen gehen ja nicht wieder zurück.

Leider gibt es kein Vergleichbild, das hätte vieles leichter gemacht. Um das Rätselraten zu beenden, wird gestanzt. An den einen Kuller kann man gut dran kommen am Beckenkamm, also wird unter CT-Kontrolle eine Probe genommen. Sonst werden wir vermutlich nie rauskriegen, was da wirklich abgeht oder abgegangen ist.

Die neue Arbeitshypothese lautet also – (neue) Knochenmetastasen, bis wir das Gegenteil beweisen können. Als ich meinen Professor fragte, was es sonst sein könnte, hat er keine Idee gehabt. Er ist kein Knochenspezialist, und ich bin froh, dass er das so gesagt hat. Mit der Biopsie werden wir dann schlauer sein.

Tja.

😦

Alle sind erstaunt, wie gefasst ich bin. Der Radiologe vom Becken-CT hätte da vermutlich eine andere Meinung, dem bin ich (verbal) ziemlich ins Gesicht gesprungen, weil er sich im Ton vergriffen hatte. Ich habe den „Informationen sammeln, Entscheidung treffen, neuen Weg einschlagen“ – Zustand erreicht, kopfkontrolliert, der meine Emotionen ganz gut in Schach hält. Ich kann mich einigermaßen konzentrieren, kann sogar recht gut schlafen – wobei das was von „Decke über den Kopf ziehen“ hat. Aber wenn es geht, nehme ich den Schlaf mit. Durchhänger habe ich natürlich, aber der emotionale Einschlag kommt dann später. Wie stark er ausfällt, hängt vor allem davon ab, was am Ende der ganzen Untersuchungen steht. Aber selbst wenn sich das noch alles in Luft auflösen sollte (was immer noch möglich, wenn auch unwahrscheinlich ist), selbst dann wird mich das noch lange beschäftigen.

Ich könnte so viel schreiben darüber, was wieder in meiner Umgebung los ist, was das mit meiner Familie, meinen Freunden macht. Mit mir. Aber selbst dieser Artikel hat mich irgendwie seltsam viel Überwindung gekostet. Auch mit meinem normalen Tagebuch geht es mir so. Vielleicht brauche ich gerade die Höhle zum Verkriechen.
Dennoch freue ich mich über Eure Kommentare und das Daumendrücken, und sage Euch an dieser Stelle einen lieben Dank dafür. Danke, Ihr seid toll! 🙂

Überholspur

Die Zeit rennt. Ich habe so viel um die Ohren, dass mir die Tage und Wochen unter den Fingern zerrinnen. Nicht (nur) mit unangenehmen Dingen, aber es ist doch reichlich voll derzeit in meinem Leben. Das ganze Organisieren mit dem Jobwechsel, Freunde treffen, Gartenarbeit, Familienfeste … und schon steht das nächste Staging vor der Tür.

Nur noch gut vier Wochen – und mir flattern schon wieder die Nerven – glücklicherweise (noch nicht) dauerhaft.

Wo ist die Zeit geblieben? Ich möchte gerne von der Überholspur runter, aber es klappt nicht recht. Möchte entspannen und bin doch ständig unter Strom. Komme abends nicht ins Bett, morgens nicht raus. Immerhin schlafe ich dazwischen wieder leidlich gut.
Zu viel, zu voll … meine Ohren summen schon wieder laut vernehmlich, mein Gewicht geht hoch, weil ich ein Stressesser bin. Nicht gut. Aber noch habe ich nicht den Bremshebel gefunden.

Ich tue jetzt das einzige, was hilft: Ich gehe laufen.

2012

Einen Jahresrückblick werde ich an meinem Geburtstag schreiben, dem 9. Januar. Nicht der vor 40 Jahren, aber der vor 10 Jahren 🙂
Aber trotzdem beginnt jetzt ein neues Jahr, und ich habe eine ziemlich lange Wunschliste für die kommenden 365 Tage. Ich hoffe, dass ich am Ende ein positive Bilanz ziehen kann.
Die Liste ist nicht erschöpfend und bis auf den ersten Punkt, der mir natürlich am Wichtigsten ist, nicht unbedingt als Reihenfolge zu verstehen.

  • Gesundheit (in meinem Fall – kein weiteres Metastasenwachstum)
  • Spaß haben!
  • viel Zeit für mich
  • eine eigene Himbeere pflücken
  • 10 km laufen
  • einen entspannten Ehemann
  • eine neue Rose pflanzen
  • viel Zeit mit meinen Lieben
  • den Roman beenden
  • Neuseeland ohne Pannen
  • neuen Job
  • Meditieren lernen
  • mindestens ein Konzert besuchen (gerne auch mehr)
  • 5 kg abnehmen
  • neues Auto
  • Skydive oder Paragliding
  • einen Fotokurs machen
  • Zeit mit meinen vier Nichten verbringen
  • eine Pergola für die Terrasse

Ich wünsche Euch ein entspanntes und gesundes Neues Jahr! Möge sich die Glückswaage am Ende zur guten Seite neigen.

Selbstfürsorge

Ich habe mich nach Weihnachten mit einer lieben Freundin getroffen. Ich hatte ein bisschen Angst vor dem Treffen, da sie seit ein paar Monaten wegen Depression in Behandlung ist und ich nicht abschätzen konnte, wie sie drauf sein würde. Aber es war ein netter Abend, voll intensiver Gespräche.

Eines davon ging über Selbstfürsorge, etwas, das sie nicht genug betreibt. Ich kenne das von mir auch, das ist wie ein Reflex: erst die anderen, dann ich. Doch während wir sprachen, ist mir aufgangen, dass sich das bei mir etwas verändert hat. Ich schrieb ja schon in meinem Weihnachtspost, dass dieses Jahr die übliche Depri an mir vorbei gegangen ist.
Je länger ich jetzt darüber nachdenke, desto mehr schreibe das meiner veränderten Einstellung zu. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich das letztes Jahr empfunden habe (nämlich so wie sonst) – so viel zu tun, dass ich selbst mit meinen Bedürfnissen auf der Strecke geblieben bin. Das, was mir wichtig war, ist hinten runter gefallen.
Aber dieses Jahr, ist mir aufgegangen, war das anders. Da bin ich am 23. Dezember ins Fitness-Studio gegangen, weil mir das gut tut, weil mir das wichtig ist, weil ich das für mich wollte. Dafür habe ich keine Weihnachtsemails versendet. Bis heute nicht übrigens, es werden jetzt Jahresendgrüße 😉

Natürlich habe ich deswegen ein schlechtes Gewissen, aber es hält sich in Grenzen. Ich bin froh, dass ich es so gemacht habe und hoffe darauf, dass mir das in ähnlichen Situationen auch wieder einfällt. 😀

der Stein rollt …

Montag ist’s untergegangen … oder auch untergegangen worden, keine Ahnung. Aber das ließ mir keine Ruhe, und heute habe ich aber angerufen in der Psychoonkologie. Kurzfassung: Termin im Januar, früher ging’s nicht.

Aber wieso tue ich mich damit so schwer? Das ist eigentlich die Frage, die mich am meisten beschäftigt derzeit. Bisher habe ich nicht vielen davon erzählt, dass ich das vielleicht mache, aber die Reaktionen waren sehr unterschiedlich:
– Erstaunen (um nicht zu sagen Entsetzen): „ich dachte, es geht dir gut?!“
– Beleidigt sein: „du kannst doch mit mir reden“
– Pragmatismus: „wieso nicht?“
Letztes kam von meinem Mann, wie froh bin ich darüber!

Seit meiner Erkrankung in 2002 höre ich immer wieder, wie bewundernswert ich damit umgehen würde, ein Vorbild. So habe ich das nie gesehen, aber dass ich ganz gut klar komme, sehe ich auch so. Nach der großen OP damals war ich einige Wochen krank geschrieben, nach einiger Zeit allerdings aufgrund „psychischer Belastung“, wie ich später rausgekriegt habe. Da war ich echt ein bisschen beleidigt drüber …
Ist es deshalb jetzt so schwer? Weil sich das wie ein Eingeständnis anfühlt, dass es doch nicht so ist? Dass ist es doch nicht packe? Versagt habe? Nicht stark genug bin? Die ganze Zeit nur einen vorgespielt habe?

Das ist natürlich alles Blödsinn. Ich komme über weite Strecken gut klar, auch jetzt wieder, eine Woche nach dem Staging geht mir wieder gut. Jetzt.
Aber immer wieder gibt es Phasen, wo es mich runterzieht, raushaut, niedermacht. Und warum sollte ich nicht versuchen, mir Hilfe zu holen, um diese Zeiten abzufangen? Wenn es nur ein bisschen hilft, wäre es doch schon gut. Meine Zeit ist zu schade, um sie mit Depression oder Ängsten zu verbringen.

Was mich aber wirklich dazu gebracht hat, den Termin zu vereinbaren, war dieser Gedanke – sich mal über Krebs und die Angst mit jemandem zu unterhalten, der sich auskennt, aber mich nicht persönlich kennt. Der nicht den Tränen nah ist, wenn ich alles ausbreite, was mich belastet. Den ich damit nicht runterziehe, wenn ich mal was sage, weil er plötzlich wieder ganz reale Angst hat, einen lieben Menschen zu verlieren. Der das vielleicht alles schon mal gehört hat und mir neue Denkanregungen geben kann.

Das sagt der Kopf (und findet es schade, dass der Termin erst im Januar ist). Und doch … doch fühlt ich das für mich ganz komisch an.

Ich bin gespannt, was das alles noch so zu Tage fördert 😉

Alles klar … oder nicht?

Freitag war der dreimonatliche Studientermin mit meinem Onkologen, Professor Koryphäe. Über die Befunde von CT und MRT haben wir nur kurz gesprochen. Darüber gab’s auch nicht viel zu sagen, sah ja gut aus. Die Studie, in der ich bin, verlangt in diesem Stadium alle 15 Wochen eine Beurteilung von Thorax und Abdomen. Ich fragte ihn, wie er das handhaben würde, wenn ich nicht in der Studie wäre. Seine Antwort war so eindeutig wie ernüchternd: alle drei Monate, allein aufgrund meines Alters. Was für mich auch bedeutet, mit jedem CT könnte es wieder anders aussehen …

Die abnehmende Belastbarkeit und meine Schlafstörungen waren auch wieder ein Thema. Er empfahl mir dann, es mal mit Akupunktur zu versuchen und nannte mir auch eine Adresse, bei der einige seiner Patientinnen Erleichterung gefunden hatten.
Derzeit schlafe ich wieder gut, letzte Nacht 8 Stunden am Stück ohne aufzuwachen (Hurra!), aber ich behalte das im Hinterkopf.

Das Gespräch driftete dann ab zu nicht-onkologischen Themen, und für einen Augenblick war ich versucht, das hinzunehmen (man kann sich sehr gut mit Professor Koryphäe unterhalten, ich würde auch problemlos die dreifache Zeit mit ihm verplaudern).  Aber die Zeit vor diesem Staging … die hat mich sehr nachdenklich gemacht. Wir behandeln meinen Körper, mit Erfolg. Aber wer behandelt meine Seele? Ich tue selbst, was ich kann, ich laufe, denke, meditiere, lese … aber immer mehr habe ich das Gefühl, es reicht nicht. Der psychische Aspekt der Krankheit ist ganz eindeutig der, der mich mehr belastet. Und damit versuche ich allein klar zu kommen? Wie blöd …

Das Thema „Psychoonkologie“ steht seit April auf meinem Fragenzettel, und ich hatte es schon die beiden letzten Male mit Professor Koryphäe nicht angesprochen. Warum? Weil es dann doch nicht so dringend war? Weil ich mir nicht wirklich eingestehen mochte, dass ich da Hilfe brauche? Ich komme doch gut klar mit allem. Ich habe das doch im Griff … oder etwa nicht?

Aber dieses Mal fasste ich mir ein Herz und sagte, dass ich die Krebserkrankung derzeit eher als psychische Erkrankung empfinde denn als körperliche. Zu meiner Überraschung nickte er und sagte, das wäre meistens so. Auf meine Frage hin erzählte er mir dann von einer psychoonkologischen Station der nahen Hochschule. Sie haben dort auch einen gynäkologischen Hintergrund, kennen die Medikamente, die Leute da sind spezialisiert auf Frauen mit Krebs.

Nun habe ich eine Überweisung … und bin schon wieder unsicher, ob ich da wirklich anrufen soll.

Wie blöd …

fliegen

Ich musste raus, musste laufen. Den Druck loswerden. Sofort.
Leider waren da erstmal diverse Dinge erledigen, ein bisschen Präsenz in der Firma zeigen, ein paar liebe Leute anrufen, die auf Nachricht warteten. Den Regen vorbeiziehen lassen.

Aber dann los, Sturmwarnung zum Trotz. Zuerst rumorten die Gedanken um den Krebs, um fiktive Gespräche mit Kollegen, um das MRT morgen, um meine Fragen an Professor Koryphäe am Freitag. Was würde ich ihm sagen wollen? Wie sollte ich das alles rüber kriegen?
Aber so langsam dröselte das davon. Der Wind blies ordentlich, mir mitten ins Gesicht. Die Bäume rauschten ohrenbetäubend, Blätter fegten über den Weg, meine Haare wirbelten nur so um meinen Kopf. Rau, so voller Energie.

Als ich 20 Minuten in meiner Strecke war, passierte etwas. Ich lief plötzlich schneller, meine Füße flogen nur so über den Boden, der Wind stemmte sich gegen mich, aber ich atmete ihn einfach ein, tief und schnell. Ich lachte, lachte mit jedem Ausatmen, und es war herrlich! Ich genoß die Bewegung, meine schnellen Schritte, den tiefen Atem, den Wind in meinem Gesicht. Da war nur ein Satz in meinem Kopf: Ich lebe. Ich lebe. ICH LEBE.

Das Leben ist rau, aber in dem Augenblick war es wunderbar!

45

Es gibt Stunden, da wünsche ich mir mehr als sonst, nie etwas mit Krebs zu tun zu haben. Dann zum Beispiel, wenn ich einen Kondolenzbrief schreiben muss an eine Mutter, die Ihren Sohn verloren hat. Mit 45. An Krebs.

Ich wünschte, ich wüsste nicht so gut, wie es dieser Familie in den letzten Monaten ergangen ist.

Ich wünschte, ich könnte wirklich mit ihnen trauern.

Statt dessen frage ich mich immer, ob ich es schaffe, 45 zu werden.

Wochenende – Ohne Worte

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