Aura

Ich war also ein zweites Mal bei meiner Hausärztin, gerade in eingerenktem Zustand, aber das war Zufall. Das ewige Hin und Her hat sie nicht wirklich überrascht, sie sagte noch einmal, das sei psychisch bedingt. Auf meine Bitte hin hat sie mal gezählt, es ist die 9. oder 10. Rippe. Mein Verdacht war, dass es etwas mit der alten Metastase an der 6. Rippe zu tun hat, aber das ist nicht so.
Nun habe ich also manuelle Therapie, 6 Mal, nächste Woche geht es los. Ich bin gespannt.

Was mir aber nicht aus dem Kopf geht, ist etwas anderes. Wir haben uns unterhalten über meine Situation, meine psychische Betreuung, die quasi in den letzten drei, vier Monaten nicht stattgefunden hat. Was da geplant ist.

Dann kam sie mit etwas, das mich sehr überrascht hat. Sie sagte, sie kann an Personen manchmal eine Aura sehen, wie ein Schatten, wenn es jemandem nicht gut geht. Das wäre bei mir kein Wunder, sagte ich, bei dem Damokles-Schwert, was über mir hängt.
Sie hat das nicht bestätigt, ob sie nun über mir einen Schatten sieht oder nicht, aber nach den Aussagen vor, dass sie meine Brustwirbelsäulenproblematik für psychisch hält, ist das nur wahrscheinlich.

Wir sprachen dann weiter, sie überlegte laut, was sie mir noch Gutes tun könnte (ich habe hier noch einen Flyer liegen von etwas, über das ich mich erstmal informieren muss), und dann war ich mit meinem Rezept raus.

Das ist jetzt ein paar Tage her, aber irgendwie geht mir das nicht aus dem Kopf. Ich glaube nicht, dass ich einen Schatten oder dergleichen über mir liegen habe. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass ein empathischer Mensch erkennen kann, ob es seinem Gegenüber gut geht oder nicht.

Das hat mir sehr zu denken gegeben, wie es in mir gerade aussehen mag. Eigentlich fühle ich mich ganz gut gerade. Ich schlafe meistens recht gut, lasse mich nicht stressen, neue Urlaubsreise in Sicht.

Und trotzdem …

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Angst

Ich habe alles versucht, nicht daran zu denken. Ich habe mich mit allem abgelenkt, was mir eingefallen ist, bleibe bis zur Erschöpfung auf, damit ich einschlafe (was trotzdem nicht klappt). Ich habe mich von allem abgeschottet, was mit Krebs zu tun hat. Internet, Blogs, Gespräche, alles. Will nichts hören davon. Nicht erinnert werden. Normal tun, nicht ich sein. Nicht krank sein.
Eine Weile ging das, manchmal einen Tag, manchmal ein paar Stunden. Tagsüber im Büro war es meist ganz in Ordnung, aber abends … manchmal sind mir schon auf dem Weg nach Hause die Tränen runtergelaufen.

Aber das ist jetzt vorbei. Ich kann nichts mehr wegschieben. Ich kann nur noch aushalten. Die Katastrophe vom letzten Staging hat mich meine Zuversicht gekostet, meinen Optimismus. Die Angst zerdrückt mich, ich kann nicht mehr entkommen, mich nicht mehr ablenken. Und das Wissen, was ich dann auch bestimmt den Job verliere, setzt mir zu. Weil ich ihn in den letzten Monaten zu schätzen gelernt habe.

Nächsten Montag geht es los. CT Thorax. MRT Abdomen. CT Becken. Ich weiß nicht, wie ich die Woche aushalten soll bis dahin. Oder das Wissen, dass das jetzt für den Rest meines Lebens so weitergeht. Dass es keine Ruhe geben wird. Dass das nie wieder weg geht.

Irgendwie werde ich lernen, damit zu leben.

Sonnenenergie

So langsam spielt sich mein Leben ein. Ich versacke noch immer auf dem Sofa, verschlafe morgens auch mal, aber an manchen Tagen kriege ich doch die Kurve und gehe raus (joggend oder spazierend) und tanke die herbstlichen Sonnenstrahlen. Das tut mir sehr gut 🙂
Mein Durchsatz an DVDs ist immer noch enorm, aber ich habe mir Wolle gekauft und nutze die Zeit mit Stricken. Die Handschuhe wachsen zu sehen, hat auch was Befriedigendes und gibt mir ein bisschen das Gefühl, nicht nur abzuhängen.

Schwierig sind weiterhin die sehr kurzen Wochenenden (da ich Freitag 5 Stunden heim fahre und Sonntag Nachmittag schon wieder los). Aber ich sage derzeit alles rigoros ab, was sich absagen lässt, damit ich am Wochenende so viel Ruhe wie möglich bekomme. Und bisher haben alle Verständnis (oder sagen es zumindest 😉 ). Es ist halt Ausnahmezeit und da müssen alle mit mir durch. Fertig.

Sorgen macht mir der Termin beim Betriebsarzt, wo ich noch hin muss. Schweigepflicht hat der auch, aber ich bin nicht glücklich damit, dass ich vorstellig werden muss (muss aber jeder). Was soll ich sagen? Von allein sicher nichts. Aber was, wenn ich gefragt werde? Soll ich lügen? Nur von 2002 sprechen und die Metas verschweigen? Darf ich das? Kann ich das? Keine Ahnung. Wohl ist mir dabei jedenfalls nicht 😦

Notstrom

Irgendwie wird es schlechter, nicht besser. Diese Fahrerei zwischen Bürowohnung und Zuhause ist stressig, zehn Stunden mehr in der Woche, in denen ich in Zügen und Autos herumsitze und nicht tun kann, was ich will.

Und obwohl im Büro eigentlich nichts Besonderes passiert, bin ich platt abends. So viel, was ich tun möchte, tun könnte, und alles bleibt liegen. Ich kriege nichts mehr auf die Reihe. Selbst am Wochenende muss ich mich am Nachmittag hinlegen, weil ich so müde bin.

Ich habe Angst, dass es jetzt die ganze Zeit so weiter geht. Dass alles, was mir etwas bedeutet, auf der Strecke bleibt, bleiben muss, weil der neue Job und diese ganze Situation zu viel Energie frisst. In den letzten Tagen denke ich wieder häufiger an meinen Krebs, an das katastrophale letzte Staging. „Das geht hier alles nicht gut“, kommt immer wieder in meinem Kopf hoch. „Mach dir nichts vor, irgendwo in deinem Körper ist er munter am Wachsen.“ Sobald nur ein kleines Wehwehchen zu spüren ist, kommen die Gedanken an Metastasen hoch.
Der Kopf sagt, ich habe zu wenig Sport gemacht (deswegen zwackt es ab und an), war erkältet, die ganze Situation ist ungewohnt und stressig. Das ist nichts, sagt der Kopf, das letzte Staging war ätzend, aber in Ordnung. Du bist nur überempfindlich, denk nicht weiter darüber nach.

Aber das klappt nicht, und ich denke doch oft an meinen Krebs. Habe ein schlechtes Gefühl meinem Körper gegenüber, traue ihm nicht. Ich denke viel und habe doch eigentlich keine Kraft, mich gerade damit auseinander zu setzen. Ich will am liebsten nichts davon wissen. Selbst diesen Post zu schreiben, war eine enorme Anstrengung irgendwie.

Im Augenblick frage ich mich, was es mich kosten wird, diese Monate der Einarbeitung durchzuhalten. Und doch geht es nicht anders, ich muss da durch und halte mich an der Hoffnung fest, dass es nach der Eingewöhnung doch besser wird.

Verkriechen, die Zweite

Heute hatte ich das Gefühl, ich schramme an der Kante lang. Fehlte nicht viel, und ich wäre abgestürzt. Ich konnte mich gerade noch halten, habe nur ein wenig rumgeheult, aber irgendwie doch noch die Kurve gekriegt.

Nur noch ein paar Tage, dann ist der alte Job vorbei. Ich habe ein bisschen gearbeitet heute, so viel zu tun noch, habe einen Übergabebrief geschrieben. Und das war’s. Ende der Contenance. Allein die Vorstellung, dass da (gefühlt) 1000 Verabschiedungen auf mich zukommen in den nächsten Tagen … ich könnte schon wieder anfangen zu weinen.

Ich kann das eh nicht gut, Abschied nehmen von Leuten, die ich mag. Es war (überwiegend) eine schöne Zeit, und jetzt ist sie zu Ende. Leicht würde mir das Gehen ohnehin nicht fallen, ich kämpfe in solchen Situationen immer, die Gefühle irgendwie unter Kontrolle zu halten. Aber so emotional angeschlagen, wie ich gerade durch den Metastasen-Fehlalarm bin, fehlt mir dazu schlicht die Kraft. Alles schlägt im Augenblick ungebremst in mir ein.

Ich weiß nicht, wie ich das aushalten und überstehen soll. Ich würde mich am liebsten davor drücken.

Doch das geht nicht. Irgendwie muss ich da durch.

Aber mir graut es einfach nur.

Zwangspause, die Zweite

Der Samstag war schrecklich. Alles sinnlos, alles trübe, kein Antrieb. Mal eine Minute hat es geklappt, an was anderes zu denken, dann ging’s wieder los. Wie ungerecht das alles ist. Da habe ich was wirklich Tolles geschafft, diesen Traumjob zu ergattern, und jetzt wird es mir vermiest. Zeitweise hatte ich das Gefühl, meine Lebensuhr zu sehen und die Zeiger rasten und rasten.

Grauenvoll. 😦

Gestern das genaue Gegenteil. Abgesehen von einer kleinen Unterhaltung über die Stanze und den derzeitigen Zustand, habe ich nicht an das ganze Zeugs gedacht und habe einfach den Tag genossen trotz der Hitze. Von der ersten bis zur letzten Minute.

Wundervoll. 🙂

Ich hoffe, ich erinnere mich daran, dass es auch gute Tage gibt, wenn ich wieder so einen Fiestag habe.

Zwangspause

Das Becken ist gestanzt, schlimm war es nicht, aber ich hätte gerne auf den Augenblick verzichtet, als die Ärztin mit deutlicher Besorgnis in der Stimme sagte, dass die Nadel jetzt verbogen sei und sie hoffentlich nicht abbricht (im Knochen). Tat sie nicht, glücklicherweise.
Am Ende hatte sie vier Bröckchen, nicht viel, aber es wird hoffentlich reichen. Wenn nicht – zurück auf Los.

Der Befund wird (mindestens) bis Ende der nächsten Woche dauern. Während ich gestern nach der Untersuchung noch fest entschlossen war, diese Woche Zwangspause vor dem Thema zu genießen (und auch recht gute Laune hatte), laufe ich heute wie ein Gespenst durch die Gegend und weiß nichts mit mir anzufangen. Bin latent davor, in Tränen auszubrechen und habe keine Idee, wie ich mich ablenken kann. Sport darf ich nicht, immerhin haben sie ja gestern erst den Knochen angebohrt.

Alles Mist 😦

Kreis

– Ich bin verloren, wenn das morgen nicht gut geht.
– Warum sollte es nicht?
– Mach dir nichts vor, irgendwann kommt der Zeitpunkt, wo es nicht mehr gut geht.
– Muss doch nicht jetzt sein.
– Die Therapie läuft jetzt zwei Jahre, Zeit genug für Krebszellen, die nicht ansprechen, sich munter zu vermehren.
– Vielleicht gibt es keine. 
– Statistik, Schätzchen. Es gibt immer welche.
– Der Sport hat sie ausgerottet.
– Träum weiter.
– Es geht mir doch gut.
– Wenn du die Metas erst merkst, ist es eh zu spät.
– Das letzte Staging ist erst 13 Wochen her. Da war doch alles OK.
– Warum will der Professor dann nicht den Abstand erhöhen? Zu gefährlich, sagt er.
– Die Therapie hat gut angeschlagen. Die hält.
– Und wenn nicht? Ich bin verloren, wenn das morgen nicht gut geht.
– Warum sollte es nicht?
– …

morgen

Bis gestern war alles gut. Ab und an Nervositätsanfälle, aber sonst OK. Nicht immer bester Laune, manchmal melancholisch, manchmal antrieblos und auch leichter überfordert. Aber alles in Grenzen. Heute Morgen war es dann damit vorbei. Erst Durchfall wegen der Nervosität, immer wieder zog sich mir alles zusammen. Das Gefühl, zu fallen.
Kopfschmerzen seit Dienstag. Sonst habe ich mal drei Tage, oder vier. Heute ist der sechste. Ich versuche, nicht zu denken. Klappt nicht.

Laufen hilft ja immer. Aber nicht heute. Heute hatte ich das Gefühl, ich bin schon außer Atem, ehe ich bei der Laufstrecke ankomme. Beim Joggen atme ich am Limit, obwohl ich nicht anders unterwegs bin als sonst. Brust fühlt sich eingeschnürt an, der Mund ist manchmal so trocken, dass ich nicht schlucken kann. Die Gedanken kreisen nur um das Staging, wie ich reagiere, wenn die Ärztin vom CT mich morgen betreten ansieht. Was dann aus dem neuen Job werden soll. Aus meinem Leben. Komme nicht davon runter.
Das Atmen wird immer schwerer beim Laufen, obwohl ich langsamer werde. Mir ist nach Heulen zumute. Gedanken an Lungenmetastasen kommen und gehen nicht wieder weg. Sie sind immer noch da.

Ich mag mich verkriechen, nichts hören, nichts sehen, aber schlafen kann ich nicht. Ich wünschte, es wäre schon morgen. Und eine Minute später wünsche ich mir das lieber doch nicht.

Geschwindigkeitsrausch

Sportwagen, linke Spur, Vollgas.

Weniger Termine sind es nicht geworden, aber sie sind nicht so Zeit fressend, im Augenblick stört es mich nicht so, was alles anliegt. Beflügelt mich sogar teilweise. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich wieder besser schlafe, mehr Energie habe. Das allein macht viel aus, wie gut sich der Tag anfühlt.

Die Autobahn ist frei, Bleifuß.

Keine Polizeistreife.

Noch mal beschleunigen, ehe der nächste Blitzer kommt. Keine vier Wochen mehr. Die Beamten stellen bereits die Geräte auf, Testmessungen werden gemacht, aber noch kann ich entkommen. Das Ziepen hier (nein, das ist das Wetter), das Piksen da (liegt am vielen Sport), nicht daran denken, was es gerade jetzt bedeuten würde, wenn sie mich erwischen würden und der Wagen in die Werkstatt müsste.

Und bis dahin? Das Verdeck runterfahren und den Wind um die Nase spüren!

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