eingebrannt

Ich bin letztens beim Laufen ganz schön nass geworden, es war windig und regnete. Am Körper hat mir das nicht viel ausgemacht, aber am Kopf war das doch ganz schön kalt.
Als es jetzt heute wieder etwas nach Regen aussah, stöberte ich durch meinen Schrank nach einer Kopfbedeckung, die ich aufsetzen könnte, wenn es wieder anfangen sollte zu regnen beim Laufen. Ich hatte da doch so ein Tuch … Eigentlich nur ein Schlauch, ich glaube für Motorradfahrer, den man als Schal oder eben als Art Piratentuch tragen konnte. Gesucht (ziemlich lange), gefunden. Geknotet und aufgesetzt.

Und einen Riesenschreck bekommen. Wenn sich so im Innern plötzlich alles zusammenzieht, der Boden schwankt und das Herz auf einmal anfängt zu hämmern.

Ich hatte das Tuch sehr oft während der Chemotherapie getragen, weil es leicht, weich und angenehm am Kopf ist. Dieses Bild von mir mit diesem Tuch auf dem Kopf war so sehr mit Chemotherapie und Glatze verbunden, dass mir der Anblick einen Schock verpasst hat. Kurzzeitig war ich wieder im Jahr 2002, mitten in der Chemo.
Ich habe mich noch eine Weile länger angesehen, mich dazu gezwungen. Je länger ich guckte, desto weniger wurde meine Reaktion und das „Chemo-Jenneke“-Bild wurde blasser. Ich habe schließlich Augenbrauen, über den Ohren schauen Haare heraus, das Gesicht ist voller. Ich sah langsam wieder mich selbst, wie ich jetzt bin.

Dann habe ich das Tuch abgenommen und wieder in den Schrank getan. Ich bin ohne gelaufen, das Wetter hat gehalten, es schien sogar die Sonne. Doch das Bild hat mich begleitet heute auf meiner Laufrunde. Manche Erlebnisse sind einfach eingebrannt, die kommen selbst nach Jahren schlagartig wieder, wenn es den richtigen Trigger gibt. Dann erschüttern sie noch so wie vor Jahren.
Aber irgendwann im Lauf setzte sich etwas anderes durch – Dankbarkeit, wie gut es mir geht, dass die Antihormontherapie so gut anschlägt. Wie kurz davor ich gewesen war, wieder eine Chemotherapie zu kriegen, und wie gut die Entscheidung war, sie (erst einmal) nicht zu machen.

Die anderen Jogger haben zum Teil etwas seltsam geschaut, aber ich habe die ganze Zeit vor mich hin gelächelt 🙂

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Wenn Gedanken was verändern könnten …

… wäre ich in Schwierigkeiten.

Ich bin eigentlich zuversichtlich, dass das CT vom Thorax heute gut ausfallen wird. Ich hoffe, dass die Metastasen weiter kleiner geworden sind. Vieles spricht dafür, dass ich das zurecht hoffen kann. Fast freue ich mich auf den Termin nachher, weil er mir drei Monate Zeit geben kann.

Und doch habe ich das Gefühl, wenn ich jetzt zu zuversichtlich bin, dann geht das nach hinten los. Dann finden sie was … dann doch Chemotherapie … Tschüß, Lebensqualität.

Seltsamer Zustand.

Wie gut, dass das alles keinen (direkten) Einfluss hat. Und wenn der Krebs progredient sein sollte – dann wäre es gut, wenn sie das feststellen, denn dann muss eine andere Therapie her.

Ich werde es in ein paar Stunden wissen.

***  ***  ***  ***  ***

10 Uhr
Das Warten nach der Untersuchung ist immer das Ätzendste. Aber auch heute hat es sich gelohnt. Die Metastasen im Thorax sind kleiner geworden, nur manche Lymphknoten nicht. Doch der lapidare Kommentar der Ärztin war: „Na, irgendeine Größe müssen sie ja schließlich haben.“
Sie meinte auch bezüglich des MRT morgen, dass ich mir wohl keine Sorgen machen muss, weil es selten ist, dass so eine systemische Therapie nur selektiv wirkt. Werden sehen.
Vielen Dank und bis in drei Monaten …

Uff.

Memo an mich selbst: Wenn Du zum CT gehst, ziehe keine Socken an, die schon fast durchgelaufen sind 🙂