Lüge

Die Nacht vor dem Termin habe ich nicht gut geschlafen und sah morgens entsprechend fertig aus. Keine guten Voraussetzungen, um besonders gesund beim Betriebsarzt auszusehen.

Ich hatte vorsichtig ein bisschen herumgefragt, was so gemacht wird, aber die Antworten gingen sehr auseinander. Ich wollte aber auch nicht so deutlich werden, das hätte auch wieder nur Fragen provoziert.
Letztendlich war der Termin beim Betriebsarzt nur ein Gespräch. Für Schreibtischjobs werden keine körperlichen Untersuchungen mehr gemacht. Man kann aber alles in Anspruch nehmen, wenn man möchte (Checkup, Blut, EKG, Lungenfunktion, Sehtest, Hörtest). Das habe ich mit „ich gehe regelmäßig zum Hausarzt, das müssen wir nicht machen“ abgebügelt. Ich habe jetzt noch einen Termin für Seh- und Hörtest, aber mehr nicht.

Wir waren schon quasi bei der Verabschiedung, als dann die entscheidende Frage kam: „Ach ja, irgendwelche Erkrankungen bekannt?“
„Nö“, sagte ich, „alles paletti.“
Händeschütteln und weg.

Schamlos gelogen. Eiskalt. Ohne zu zögern. Ohne rot zu werden.

Hinterher hatte ich und habe auch immer noch ein schlechtes Gewissen deswegen. Denn wie man es auch dreht und wendet – es ist eine entscheidende Krankheit bekannt, auch wenn sie gerade keine akuten (körperlichen) Probleme macht. Und ich habe es verschwiegen.
Wie ich es auch drehe und wende – ich würde es wieder machen. Aber gerade das ist Gefühl, dass sich die Firma ein faules Ei eingekauft hat, wieder sehr stark.

Ich hasse das, über meinen Krebs zu lügen. Es ist nichts, wofür ich mich schämen müsste. Nichts, was ich mir ausgesucht hätte. Und doch muss ich aufpassen deswegen. (Oder habe zumindest das Gefühl, ich muss es tun. Objektiv betrachtet gebe ich meiner neuen Firma gar keine Chance, mir das Gegenteil zu beweisen … aber das probiere ich lieber nicht aus.)

Nun muss ich also mit meiner Lüge leben. Und werde das auch. Punkt.

Werbeanzeigen

9 Kommentare

  1. Perdita said,

    24. Oktober 2012 um 22:30

    So ähnlich treibe ich das auch gerade. Als „faules Ei“ würde ich mich deswegen nicht sehen. Es ist vielmehr so, dass ich mein Leben zu finanzieren habe. Ich kann es mir gar nicht leisten, ein schlechtes Gewissen gegenüber irgendwem zu haben. Meine Energie benötige ich für andere Dinge. Ich übe mich momentan darin, MEINE Interessen zu erkennen und zu versuchen, diese durchzusetzen. Mich dabei nicht wie der letzte Mensch aufzuführen und ständig Leute vor den Kopf zu stoßen, ist die Kür. Aber das wird mir schon auch noch gelingen.
    Sie haben so gekämpft für diesen Job, sich so darauf gefreut- Sie haben ihn sich verdient und dürfen ihn einfach genießen!
    Viel Freude dabei und lachen Sie sich ruhig einmal ins Fäustchen darüber, dass Sie so listig waren…
    Lieben Gruß, Perdita

  2. Karl said,

    24. Oktober 2012 um 22:59

    Ich nehme an, ich hätte auch ein schlechtes Gewissen, und weiß noch nicht einmal, ob ich die Geistesgegenwart besessen hätte, das so locker zu sagen.

    Aber: Ich weiß, dass es gerechtfertig gewesen wäre und kann Perdita da nur zustimmen.

    Sieh es mal so: Wenn die Frage gelautet hätte: „Ach ja, irgendwelche für den Job relevante Erkrankungen bekannt?“ Hättest Du ohne zu lügen und ohne das mindeste schlechte Gewissen aus voller Überzeugung „NEIN“ sagen können. Ich glaube, genauso hat er die Frage gemeint 😉

    So, und jetzt müsste ich nur noch einen geregelten Job für die letzten Jahre vor der Rente finden, und dann würde ich genauso beherzt „Nein“ sagen, ich weiß ja jetzt wie’s geht.

  3. sakarinevada said,

    25. Oktober 2012 um 05:09

    Jenneke, ich hätte wohl auch ein klein wenig ein schlechtes Gewissen. Aber ich hätte genau gleich wie Du reagiert. Es gibt wohl Situationen im Leben, da muss man einfach zu solch einer Lüge greifen, und tut es auch ganz intuitiv.

    Deine Krankheit behindert Dich doch in keinster Weise an der Ausübung Deiner Arbeit. Für mich, die jetzt in absehbarer Zeit auch vor diesem Problem stehen werde, zeigt mir Dein Weg, wie man “ Nein“ sagt, und auch damit leben kann.

    Karl und Perdita haben beide recht. Du hast Dir diese Arbeit verdient, und sollst sie geniessen.

    Sei ganz lieb gegrüsst
    Ursula

  4. 25. Oktober 2012 um 07:07

    Traurig ist nicht die Tatsache, dass Du NEIN gesagt hast – im Gegenteil, wenn Du das so für Dich entscheidest – traurig ist die Tatsache, dass ein JA in Deutschland Probleme bereiten kann.
    Zerbrich Dir also nicht den Kopf. Umgekehrt sind es doch meist die Angestellten, die im großen Stil belogen werden!
    Freu Dich über die Arbeit. Du bist niemandem als Dir selbst Rechenschaft schuldig!

    In diesem Sinne, einen schönen Tag! 🙂

    Oliver 2.0

  5. dreamsandme said,

    25. Oktober 2012 um 09:53

    Liebe Jenneke,

    ich kann dein Gefühl gut nachvollziehen! Ich weiß nicht, wie die Situation in Deutschland ist, aber hier kann man ohne Angabe von Gründen jederzeit gekündigt werden. Im Falle eines Krankenstandes zahlt er Arbeitgeber auch nur eine gewisse Zeit Entgelt aus. Er kann nach Ende des Krankenstandes auch unter Einhaltung der Frist kündigen. Von daher geht ein Arbeitgeber mit seinem Arbeitnehmer keinen Bund fürs Leben ein. Für den Rest zahlst DU und auch der Arbeitgeber Abgaben und Steuern. Also selbst wenn du einen Krankenstand, Kur oder ähnliches in Anspruch nehmen musst, hast du auch dafür bezahlt. Deshalb finde ich deine „Lüge“ gerechtfertigt und sehe es wie die anderen Kommentatoren!
    Ich hätte diese Chanca auf eine Lüge irgendwie gar nicht mehr. Wenn man meinen Namen googelt, werde ich bereits in Verbindung mit Brustkrebs gebracht. Aber dafür habe ich mich entschieden, damit muss ich leben. Aber ich hoffe, dass ich nach meiner Auszeit trotzdem einen Arbeitgeber finde. Und sollte man mich nach Erkrankungen fragen, würde ich sie wohl auch zugeben müssen.

    Jedenfalls finde ich alles richtig, so wie du es machst! Es ist dein Weg und du gehst ihn mit erhobenen Haupt! Faules Ei…niemals!

    Bussi,
    Sunny

  6. claudia said,

    26. Oktober 2012 um 06:12

    hallo,
    grundsätzlich hat auch ein Betriebsarzt eine ärztliches Schweigepflicht, selbst wenn du ihm die Wahrheit gesagt hättest, hätte er das auf gar keinen Fall deinem Arbeitgeber weitergeben dürfen.
    Aber, diese kleine Lüge ist völlig gerechtfertigt. Du bist da neu, ich vermute mal, dass auch sowas wie eine Probezeit vereinbart ist… da ist das legitim. Den Arbeitgeber geht es inhaltlich einen feuchten Kehricht an, wenn jemand akut erkrankt ist, da du nicht arbeitsunfähig bist und auch nicht deswegen ausfällst, ist das deine eigene private Angelegenheit. Und ich kann da auch nur ermuntern, das schlechte Gewissen so schnell wie möglich ins Klo zu manövrieren, denn jeder Arbeitgeber lügt auch seine Angestellten dann an, wenn er für das Unternehmen einen Vorteil sieht… mach dir darüber keinen Kopp.

    Alles Gute weiterhin
    Claudia

  7. Sue said,

    29. Oktober 2012 um 10:42

    Ich will jetzt hier nicht wiederholen, was alle Anderen schon geschrieben haben.
    Geniesse den hart erkämpften Arbeitsplatz und lege Deine schlechtes Gewissen wieder beiseite.

    lieben gruss sue

  8. finja said,

    31. Oktober 2012 um 01:27

    Letzten Endes ist jeder Arbeitnehmer ersetzbar; das einzige Problem, das sich überhaupt ergeben könnte, wäre ja, dass Du vielleicht länger mal ausfällst. Das ist aber etwas, das tagtäglich in Firmen vorkommt und immer miteinkalkuliert werden muss. Also: Pack das schlechte Gewissen weg, 1. hilft es Dir nicht, 2. schadest Du der Firma durch Dein Verhalten nicht. Selbst WENN sie dann irgendwann einen Nachfolger suchen müsste (Spätestens, wenn Du in Rente gehst.), würde sich einer finden. Denk nicht so viel. 🙂

  9. 1. November 2012 um 12:43

    Danke, Ihr Lieben. Es tut mir so gut, Euren Zuspruch zu lesen 😀
    Nachdem ich gerade schon einen elendig langen Kommentar geschrieben habe, mache ich das doch noch in einen Post. Mir scheint, ich habe dazu noch etliches zu sagen 😉 (heute Abend dann …)
    Seid alle lieb gedrückt! Jenneke