Stachel

Die zwei Wochen Metastasenverdacht haben alles erschüttert. Ich traue dem Ganzen nicht. Immer wieder muss ich mir selbst sagen „es ist alt, es geht dir gut“. Aber ich habe so viele Fragen noch, habe irgendwie immer das Gefühl, ich muss nach der Lücke in der Logik suchen. Was genau haben sie in den alten MRTs gesehen? Und wieso ist das vorher nicht aufgefallen? Und was haben sie denn nun in diesen runden Dingern gefunden wenn keine Tumorzellen? Warum …? Was …? Wieso …? Aber wenn …?
Da ist ständig die Angst, dass die Ärzte sich geirrt haben. Dass sie das jetzt einfach leichtfertig angenommen haben. (Was mein Professor nie tun würde! Mein Kopf weiß das! Und dass das alte=inaktive Metastasen sein könnten, war immer eine der Möglichkeiten.)
Ständig habe ich das Gefühl, ich muss ganz, ganz, ganz sicher sein, dass es auch wirklich so ist.

Aber das kann ich nicht.

So oder so ist immer alles eine Interpretation der vorhandenen Fakten. Ohne die Biopsie war es klar, dass eine neue Therapie ins Haus steht. Jetzt ist das vom Tisch. Diskutieren kann ich das im Augenblick nicht, Professor Koryphäe ist in Urlaub. Er hat ja sogar an seinem ersten Urlaubstag noch meinem Befund hinterher telefoniert und ihn dann mit seinen Kollegen diskutiert, ehe er mich angerufen hat. Um mir zu sagen, dass jetzt akut keine Gefahr besteht. Dass es alte Metastasen sind.
Ich werde versuchen, die Radiologin irgendwie zu erreichen, mit der er das alles diskutiert hat.

Aber die Angst ist da. Dass die Bilder lügen, irgendwie. Dass die Histologie lügt. Dass es dicke Ende doch noch kommt. Dass ich nicht davon gekommen bin, dieses Mal.
Da ist gerade kein Vertrauen mehr. Nicht in meinen Körper, nicht in CTs oder MRTs, nicht in Blutwerte oder Histologien.

Es ist immer so, dass ich Zeit brauche. Das ist nach jedem Staging so. Es ist klar, dass ich nach diesen Wochen noch mehr Zeit brauchen werde, den Einschlag zu verdauen. Dass ich die verständnislosen Blicke ertragen muss, warum ich nicht wild tanzend durch die Gegend renne. Dass ich nicht weine vor Erleichterung. Dass ich nicht ständig lache.

Die Freude will sich nicht einstellen, immerhin kommt immer mehr die Erleichterung. Aber diese zwei Wochen sitzen wie ein Stachel in mir und pieken und stechen und pricken.

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10 Kommentare

  1. Sue said,

    26. August 2012 um 11:41

    Ich kann Dich sehr gut verstehen. Bei mir war nach den ersten Stagings auch ein paar Mal Fehlalarm und ich weiß, wie sehr einem das in die Seele fährt.
    Es wäre sicher gut, wenn Du Dir von der Radiologin die offenen Fragen beantworten lassen kannst.
    Ansonsten bringt hier die Zeit etwas Entspannung und Vertrauen zurück. Und wenn bei der nächsten Kontrolle alles unverändert ist, wirst Du wieder mehr Vertrauen haben.

    lieben gruss
    sue

    • 26. August 2012 um 11:44

      Ja, ich hoffe, dass ich sie erreiche nächste Woche. Ich muss so was verstehen, sonst kann ich es nicht abhaken. Und im Augenblick habe ich nicht genug Infos dafür. Aber ich arbeite dran 😉
      Danke für Deine lieben Worte! Ich wünsche Dir einen tollen und sonnigen Sonntag!
      Liebe Grüße! Jenneke

  2. Finja said,

    26. August 2012 um 13:43

    Jeder Beteiligte – Du und auch Dein Professor K. – fand die vorherigen Annahmen doch aber auch völlig unlogisch. Eigentlich macht erst der neue Befund Sinn, wenn ich Dich richtig verstanden habe. Das spricht zusätzlich zu den Bildern und der Biopsie für alte Metastasen.

    • 28. August 2012 um 21:48

      Ja, so ist es, liebe Finja. Und trotzdem … die Gedanken und Zweifel bleiben, das lässt sich leider nicht so schnell abschütteln. Aber mein Kopf ist da sehr hartnäckig, und irgendwann wird er den Bauch überzeugen.
      Liebe Grüße! Jenneke

  3. Wolfgang said,

    26. August 2012 um 17:51

    Liebe Jenneke,
    ich kann das gut verstehen – solange ein bisschen Unklarheit besteht, kann man es nicht völlig abhaken. Und es ist gut, daß Du versuchst, die Radiologin zu erreichen. Sie wird Dir sicher helfen können!

    Alles Liebe,
    Wolfgang

    • 28. August 2012 um 21:49

      Lieber Wolfgang, diese Unklarheit ist nur in meinem Kopf. Schon am Freitag hat mein Onkologe das sehr deutlich gesagt – alt. Keine Sorgen machen. Aber es dauert, ehe das wieder einsickert …
      Liebe Grüße! Jenneke

  4. sakarinevada said,

    28. August 2012 um 04:34

    Jenneke, ich kann Dein Misstrauen gut verstehen. Auch ich bin ein Mensch bei dem nur die Logik und das Verstehen einer Situation Entlastung bringt. Ich hoffe, Du kannst mit der Radiologin die Situation klären, um wieder etwas Ruhe zu bekommen. Unklarheiten sind wohl das Belastendste.

    Sei ganz lieb gegrüsst
    Ursula

    • 28. August 2012 um 21:50

      Ich konnte heute mit ihr sprechen, liebe Ursula, ich schreibe gleich noch den Artikel. Ich denke, jetzt wird es dann auch besser werden. Aber es wird dauern …
      Liebe Grüße! Jenneke

  5. Brigitte said,

    28. August 2012 um 17:01

    Vielleicht hängt es damit zusammen, dass die Geräte der neuen Generation Dinge besser darstellen können? So ist es bei Ultraschall und Röntgen auch. Aber ich kann gut verstehen, dass du nach der ganzen Zeit, in der Du Dir überlegt hast, was es STATT Metastasen sein könnte, jetzt noch eine Zeit brauchst, bist Du aufhörst, darüber nachzudenken, was es statt ALTER Metastasen alles sein könnte. So schnell kann sich ein aufgewühltes Gemüt eben nicht auf „normal“ zurückfahren. Darfst du wieder durch den Wald traben?
    Liebe Grüsse Brigitte

    • 28. August 2012 um 21:52

      Liebe Brigitte, Du hast vollkommen Recht. Das kommt dann hier auch noch dazu. Das Hauptproblem war aber, dass wir nie ein CT vom Becken hatten, also war kein direkter Vergleich möglich.
      Ja, aufgewühlt fühle ich mich immer noch. Aber das vergeht, langsam nur, aber es vergeht.
      Liebe Grüße! Jenneke