Stresstest

Es kam, wie es kommen musste.

Ich hatte die Wahl, die unverbindliche zweite Runde („nur“ ein kleines Assessmentcenter) entweder am Freitag vor dem Staging anzutreten (und damit den nächsten Psychotermin zu kippen) oder am Donnerstag nach dem Staging.

Pest gegen Cholera.

Beides totaler Mist. Vor dem Staging gehe ich auf dem Zahnfleisch und hinterher brauche ich auch immer Tage, um von dem Trip wieder runter zu kommen. Später wollten sie das Gespräch nicht, weil es sonst alles zu knapp würde. Vorher ging auch nicht. Was für ein Elend.
Und immer schön professionell und höflich am Telefon bleiben, obwohl mir einfach nur zum Heulen zu Mute war, weil eigentlich beides nicht geht. Ich habe mich irgendwann drauf zurück gezogen, dass ich klären muss, ob ich einen beruflichen Termin verschieben kann, und versprach am nächsten Tag zurückzurufen.

Warum tue ich mir das überhaupt an? Warum nicht alles so lassen, wie es ist? Ist die Belastung durch das 15-wöchige Staging nicht schon genug? Muss ich mir da noch einen neuen Job aufladen? Samt Kündigung und Aufräumen im alten Job und Einstellen auf den neuen?
Warum?
Weil mein derzeitiger Arbeitgeber wenig Rücksicht auf lange erkrankte Mitarbeiter nimmt (die kommen alle nicht wieder …). Weil ich es entweder jetzt tue oder nie. Je länger ich warte, desto schlechter werden meine Karten. Nicht nur auf dem Arbeitsmarkt (meine Kolleginnen haben auch nur ein Jahr weniger Berufserfahrung, sind aber 10 Jahre jünger …), vor allem mit der Krankheit. Jetzt geht es mir gut. Jetzt hat eine sanfte Therapie die Metastasen im Griff. Wie lange? Keine Ahnung. Mit meinen gut 1,5 Jahren gelte ich als langzeitstabil. Vielleicht hält es noch mal so lange, vielleicht ist es damit schon in zwei Wochen vorbei.

Ich muss dauernd dran denken, was für ein gefährliches Spiel ich hier treibe. Was passiert, wenn ich nicht noch ein Jahr gesund bleibe (bis die Probezeit vorbei ist)? Dann habe ich mich selbst ins Aus manövriert, und das gehörig. Keine Ahnung, ob man mich behalten würde. Mal ganz abgesehen davon, die Leute, mit denen ich wirklich gerne zusammenarbeiten möchte, zu enttäuschen (weil ich sie getäuscht habe).

Ich habe am nächsten Tag angerufen und den Donnerstag nach dem Staging bestätigt. Wenn es schlecht ausfallen sollte, nehme ich mich eh aus dem Rennen, dann habe ich andere Sorgen als ein Bewerbungsgespräch.
Ich habe keine Ahnung, ob ich das alles hinkriege. Kann ich das aushalten? Den Druck vom Staging und vom zweiten Gespräch? Oder versemmele ich das Assessmentcenter eh in so einer Situation? Es kam schon der Gedanke „vielleicht ist es besser, wenn es nicht klappt“, aber der ist gefährlich. Selbst-erfüllende Prophezeiung …

Vielleicht lache ich in fünf Jahren darüber, weil es mir dann immer noch gut geht und ich einen (verzeiht) geilen Job in einer schwierigen Lage ergattert habe. Vielleicht auch nicht.

Nur die Zeit wird zeigen, ob ich es richtig mache. Aber versuchen muss ich es, sonst habe ich schon aufgehört zu leben.

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14 Kommentare

  1. Karl said,

    25. April 2012 um 23:53

    Liebe Jenneke,
    denk an den Namen Deines Blogs!
    Carpe Tempus, hier und jetzt.
    Zu denken „besser, wenn es nicht klappt“ ist schlecht. Aber wenn Du sagen kannst „Ich kann es akzeptieren, wenn es nicht klappt“, besonders unter diesen Umständen, dann ist das ok.

    LG
    Karl

    • Carpe tempus! said,

      2. Mai 2012 um 17:51

      Danke, lieber Karl. Als ich letzte Woche Deinen Kommentar gelesen habe, ist es mir wie Schuppen aus den Haaren gefallen (oder wie heißt das?). Ja, hier und jetzt. Ich habe ja danach gehandelt, immerhin, auch gegen die Bedenken. Im Augenblick bin ich ganz gut drauf und glaube, dass es tatsächlich klappen kann, diese tollen Job zu kriegen 🙂
      Liebe Grüße! Jenneke

  2. sakarinevada said,

    26. April 2012 um 04:51

    Liebe Jenneke

    Geh in die zweite Runde und gib das was Du geben kannst. Du treibst kein gefährliches Spiel. Du tust genau das, was Du tun möchtest. Die Frage wie lange Du als langzeitstabil giltst ist müssig. Lebe im Jetzt und im Hier.

    Die Gründe für den Stellenwechsel hast Du ja ganz klar formuliert. Und wenn Du die zweite Runde schaffst, dann schaffst Du auch den Wechsel.

    Ich kann Deine Selbstzweifel nachvollziehen, aber nichts mehr verändern ist wohl die schlechter Alternative.

    Ich denke an Dich und wünsche Dir ganz viel Kraft um diesen „Stresstest“ gut zu überstehen.

    Sei ganz lieb gegrüsst
    Ursula

    • Carpe tempus! said,

      2. Mai 2012 um 17:53

      Danke, liebe Ursula! Das ist, was viele mir sagen: Niemand weiß, ob oder wie lange er gesund bleibt. Richtig, aber die meisten kennen das Damoklesschwert nicht, das über ihnen hängen könnte. Aber die Würfel sind gefallen, und ich werde nächste Woche versuchen, die Stelle zu ergattern 🙂
      Liebe Grüße! Jenneke

  3. Edth Mayer said,

    26. April 2012 um 08:23

    Hallo Jennecke,
    ich bin mir sicher, dass Du den Job kriegen wirst. Wieso denkst Du ständig an andere? Das verstehe ich nicht so ganz. Ich setze jetzt auch alles auf eine Karte, denn ich mache mich mit meinem neuen Lebenspartner selbständig. Dabei setze ich fast mein gesamtes Kapital ein, dh die Erbschaft fällt für meinen Sohn entsprechend dürftig aus.
    Nachdem bei mir alle hinterm Geld her sind (Wortlaut Sohn: „Achte auf mein Erbe“; Wortlaut Mutter: „Wenn ich Dich pflege, möchte ich 20.000,– EUR“) wage ich den Schritt in die Selbständigkeit und setze damit alles auf eine Karte. Lieber habe ich in meinem Leben noch etwas geschaffen als dass sich meine Angehörigen über mein hart erarbeitetes Geld freuen, das sie ohnehin nicht brauchen, weil sie selbst genug davon haben. Lg Edith

    • Carpe tempus! said,

      2. Mai 2012 um 17:55

      Danke, liebe Edith. Ich wünsche Dir auch viel Erfolg bei Deinem Vorhaben!
      Liebe Grüße! Jenneke

  4. Perdita said,

    26. April 2012 um 09:13

    Liebe Jenneke,

    Sie machen das genau richtig! Verharrten Sie im alten Job, fragten Sie sich immer, ob es nicht besser gewesen wäre…
    Vor allem, dass Sie das Gespräch auf nach das Staging geschoben haben, war klug. Für beides drücke ich fest die Daumen und nehme mir Sie dann zum Vorbild- bei mir steht auch ein Jobwechsel an, obwohl es einfacher wäre, wieder in den alten zurück zu kehren.
    Herzliche Grüße,
    Perdita

    • Carpe tempus! said,

      2. Mai 2012 um 17:57

      Danke, liebe Perdita, für die lieben Wünsche. Auch ich drücke die Daumen für Sie. So ein Jobwechsel bringt immer Unruhe ins Leben, dazu ist man nicht immer bereit, vor allem dann nicht, wenn sie Krankheit schon alles durcheinander gewirbelt hat. Dass ich mich jetzt beworben habe, ist irgendwie auch ein Zeichen, dass sich die Situation etwas stabilisiert hat.
      Liebe Grüße! Jenneke

  5. Sue said,

    26. April 2012 um 15:29

    Liebe Jenneke,

    ich kann mir gut vorstellen wie Du Dich zur Zeit fühlst.
    Da geht nur, einen Punkt nach dem Anderen versuchen abzuarbeiten / abzuhaken und dann neu überlegen was als nächstes kommt.
    In unsere Situation ist das Planen und nach vorne Denken nicht leicht.

    Ich wÜnsche Dir viel Glück, Unterstützung und natürlich nur gute Ergebnisse.

    lieben gruss sue

    • Carpe tempus! said,

      2. Mai 2012 um 17:59

      Liebe Sue, genau das versuche ich gerade. Erstmal diese Woche überstehen, ohne überzuschnappen. Dann das Staging Anfang der Woche. Dann das Assessmentcenter. Dann hoffentlich froh sein, dass alles irgendwie geklappt hat 😉
      Ich plane eigentlich gerne, und manchmal fällt mir das sehr schwer, dass ich diese Planungssicherheit eigentlich nicht mehr habe. Aber ich tue es trotzdem … Bisher ist es gut gegangen, ich hoffe, es bleibt noch lange so.
      Liebe Grüße! Jenneke

  6. Wolfgang said,

    29. April 2012 um 16:00

    Liebe Jenneke!

    „Im Zweifel nach links!“

    Dem Vernehmen nach stammt dieses Sprichwort von irischen Fährleuten. Wenn die Mitte des Flusses durch Treibholz versperrt war, mußte man sich entscheiden, ob man links oder rechts steuern wollte. Ja, man konnte sich natürlich falsch entscheiden. Das Schlimmste aber war, sich gar nicht zu entscheiden und in der Mitte zu bleiben – man krachte garantiert ins Holz. „Etwas“ zu tun war immer besser als gar nichts zu tun.

    Was ich damit sagen will: Man weiß oft nicht, ob man sich richtig entschieden hat. Aber gar nichts zu tun, ist oft das Gefährlichste. Du hast – nach Abwägen aller Faktoren – eine Entscheidung getroffen, die Dich auf Deinem Weg so oder so weiterbringen wird. Und das zählt!

    Ich drücke Dir alle Daumen und schicke Dir liebe Gedanken aus Wien!
    Und ein bisschen Glück, ja, das wünsche ich Dir auch – das kann nie schaden und gehört schlussendlich immer auch ein bisschen dazu 🙂

    Alles Liebe,
    Wolfgang

    • Carpe tempus! said,

      2. Mai 2012 um 18:00

      Danke, lieber Wolfgang! Ja, sich nicht zu entscheiden, ist sicher das Schlechteste. Aber ich habe es ja geschafft, und jetzt ziehe ich das durch, was auch immer am Ende dabei raus kommt (ein neuer Job oder nur neue Erfahrungen 😉 ).
      Danke für das Glück, ich nehme es gerne 😀
      Liebe Grüße! Jenneke

  7. dreamsandme said,

    1. Mai 2012 um 02:59

    Liebe Jenneke,

    ich drücke dir die Daumen, dass alles so läuft, wie es für dich am besten ist. Eine berufliche Veränderung unter diesen Umständen ist sicher nicht einfach zu bewältigen, aber vielleicht wird es Zeit für eine Veränderung, für eine neue Herausforderung!

    Sei lieb umarmt,
    Sunny

    • Carpe tempus! said,

      2. Mai 2012 um 18:01

      Liebe Sunny, ich glaube, dass es so ist. Dass jetzt die Zeit ist, was Neues anzufangen. Noch vor ein paar Monaten hätte ich mir das nicht vorstellen können, aber jetzt ist es OK, das zu wagen.
      Danke für Deine lieben Wünsche und liebe Grüße! Jenneke