Psycho-Onkologie, die zweite

Muss mal ein bisschen Motzen. Ich fühle mich von meiner Psychologin veräppelt, und das ist nicht gut.

Ich hatte ja schon geschrieben, dass ich mich nicht belastbar fühle, dass ich gestresst bin, Arbeit, Freizeit oder Krebs, keine Ahnung (oder alles zusammen). Meine Psychologin wollte jedenfalls nix von „ich bin nicht mehr so belastbar“ hören. Sie münzte das um in „ich könnte, wenn ich wollte. Aber ich will nicht mehr.“
Ach? Meine Prioritäten wären dabei, sich zu verschieben, ich will jetzt einfach mehr für mich machen und weniger arbeiten.

Ihr Ziel ist es, dass ich mit meiner Lebenssituation besser klar komme. Ist auch mein Ziel. Aber mir einzureden, meine Freizeit wäre mir jetzt wichter als die Arbeit … mit Verlaub, das war schon immer so. Ich habe immer sehr viel Zeit in meine Hobbies gesteckt. Natürlich gab es Zeiten, wo das etwas zurückgestanden ist, weil beim Job gerade viel zu tun war. Aber grundsätzlich geändert hat sich meine Einstellung jetzt nicht (allenfalls 2002, als der Krebs kam).
Darauf jetzt abzuheben, kommt mir vor wie … Manipulation? Mich für dumm verkaufen? Mir was einzureden, damit ich mich toll fühle? Ich weiß nicht. Es fühlt sich an, als würde sie mich auffordern, mich vor den Tatsachen zu drücken, und das will ich nicht.

Sie hält mich eh für zu rational. Meine Aussage, der Krebs wird irgendwann wieder wachsen, das ist eine Frage der Wahrscheinlichkeit, ich weiß nur nicht, wann das passiert, hat sie nicht kommentiert. Weil sie das nicht dementieren kann, nehme ich an. Ich rechne damit, dass ich irgendwann eine Chemo machen werde, beim nächsten Progress oder wann auch immer. Krankengeld ist 70% vom Gehalt. Kein Problem, aber wenn ich jetzt Stunden reduziere, wird es ein Problem. Keine Unabhängigkeit mehr. Keine teuren Urlaube mehr. Aber solche Überlegungen zählen offenbar nicht, sie hebt nur auf mein Gefühl ab, dass ich gestresst bin. Wie sehr es mich allerdings stressen würde, wenn wir unser Haus nicht mehr bezahlen können, darüber scheint sie sich keine Gedanken zu machen. Hat ja nichts mit dem Krebs zu tun.

Ich weiß, ich bin ungerecht. Aber irgendwie funktioniert das so bei mir nicht. Ich bin da nun mal Realist und kenne die Fakten, ich will mir das nicht Schönreden. Oder es ist nicht der richtige Ansatz, mich zu erreichen. Oder nicht die wahre Baustelle. Oder ich bin einfach beratungsresistent und es ging mir wirklich besser, wenn ich das so sehen könnte. Vielleicht bemühe ich mich nicht genug? Ich weiß nicht.
Es war als Krisenintervention vor Staging gedacht, aber seit dem letzten Staging jetzt hatte ich drei Termine. Und jetzt noch einen vor dem nächsten. Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt. Über meine Progressionsangst haben wir fast gar nicht gesprochen. Statt dessen steht im Arztbrief über unser erstes Treffen sinngemäß: Strategien im Falle eines unerwartet schlechten Befunds beim Staging erarbeiten. Unerwartet? Das hinterläßt bei mir das Gefühl von „ich rede mir meine Angst ein“. Ich glaube, seit ich das gelesen habe, hat das Ganze einen Knacks bekommen.

Lösung? Vielleicht muss ich sie nach einer Empfehlung für einen Niedergelassenen fragen und dann halt warten, ehe ich da regelmäßige Gespräche machen kann. Keine Ahnung. Ich finde das nicht grundsätzlich schlecht, aber so …

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10 Kommentare

  1. sakarinevada said,

    12. April 2012 um 05:12

    Liebe Jenneke, ich kann Dein Motzen und Deine Unzufriedenheit mit Deiner Psychologin ganz gut verstehen. Ich bin schon sehr der Meinung, dass es ihr nicht zusteht Deine Sicht der Dinge auf diese Art und Weise zu interpretieren. Ihre Aufgabe besteht für mich ganz klar darin, Dir zuzuhören und Dich selber Lösungen finden zu lassen.

    Ich würde mich so auch nicht wohlfühlen, und wäre wahrscheinlich ganz schnell definitiv weg.

    Lass Dich nicht verunsichern. Ich denke, ein Wechsel wäre in dieser Situation angebracht.

    Sei ganz lieb umarmt
    Ursula

    • Carpe tempus! said,

      15. April 2012 um 12:43

      Liebe Ursula, ich glaube mittlerweile, dass sie es so gar nicht gemeint hat, wie es bei mir ankam. Aber das ändert nichts daran, wie ich das empfinde. Es wird darauf hinaus laufen, sich jemand anderen zu suchen. Aber der nächste Termin ist noch etwas hin …
      Liebe Grüße! Jenneke

  2. Sue said,

    12. April 2012 um 11:01

    Prinzipiell stimme ich dem zu was Ursula schreibt. Aber andererseits bringt Dich das Gespräch ja offensichtlich dazu, ein klare Position einzunehmen und alles auch mal von einem ganz anderen Gesichtspunkt aus zu sehen…. eigentlich ja nicht schlecht.
    So weit ich informiert bin, muß man sich auch erst nach der fünften Sitzung auf eine Therapie festlegen und davor kann man ohne Probleme immer noch wechseln. Das können die Dir aber bei der Krankenversicherung genau sagen.

    lieben gruss sue

    • Carpe tempus! said,

      15. April 2012 um 12:46

      Liebe Sue, das habe ich auch schon gedacht 🙂 Sie bringt mich zum Denken, und das ist ja nicht grundsätzlich verkehrt. Nur dass ich gerade dabei bin, das Gegenteil von dem zu tun, was sie mir rät …
      Ob das mit den fünf Sitzungen relevant ist, weiß ich gar nicht. Sie hat ja gleich gesagt, dass sie keine Dauertherapie machen kann. Es müsste dann ja eh ein Ende bei ihr haben. Mal sehen, was sie dazu sagt beim nächsten Mal.
      Liebe Grüße! Jenneke

  3. Gabi said,

    12. April 2012 um 11:03

    Hallo Jenneke, will Dir auch was dazu schreiben, ist mir wichtig, wenn auch meine Energie grad für mich selber reicht, aber das muss jetzt sein. Also, ich war vor gefühlten 100 Jahren bei meiner damaligen Therapeutin, meine 1. Ehe zerbröselte grad und ich sprach von meiner Hoffnungslosigkeit diesbezüglich. Sie wies mich zurecht, jede Beziehung sei lebbar und es läge nur an mir, wenn ich den Weg nicht finden könne… so ähnlich, es ist zu lang eher, um mich genau zu erinnern. Ich bin 1992 geschieden worden, das liegt also jetzt vielleicht 22 Jahre zurück. Egal, ich war baff, einerseits freute es mich, es gibt also noch Hoffnung und ich muss nur dies… oder jenes… dafür tun, andererseits war da eine Stimme in mir, die immer lauter wurde: wieso lässt du sie deine Ehe interpretieren, wieso kann sie einfach so über deine Gefühle hinweggehen, wieso musst nur du dich wieder ändern… und so weiter. Jedenfalls tat sich zu Hause ehemäßig nichts, wir kamen nur weiter auseinander, ich zweifelte an mir, weil ich wohl offensichtlich zu blöd war, den richtigen Weg zu finden… und dann kam die nächste Therapiestunde und meine Therapeutin entschuldigte sich bei mir, klassische Übertragung, ihr Mann wollte sich trennen und sie wollte halt jede Beziehung für lebbar erklären…

    Was ich nur sagen will: HÖR AUF DEIN GEFÜHL!!!! Lass Dir nix einreden!!!! Die Formulierung „unerwartet schlechter Befund“ hat mich stutzig gemacht. Will sie sich vielleicht nicht mit der Erkrankung auseinander setzen, mit den möglichen Folgen, mit den dazugehörigen Ängsten und Sorgen? Für eine Psychoonkologin das Todesurteil, weil genau dafür wäre sie ja da.

    Ich weiß es nicht, ich kenne sie nicht, ich kann nur über meine Gefühle reden, die ich beim lesen hatte, die natürlich aus meiner Geschichte kommen. Es liegt an Dir zu sagen ich wechsele oder es anzusprechen, so nach dem Motto, was sehen sie da, was nichts mit mir zu tun hat?

    Hör auf Dein Gefühl und auf sonst nichts. Egal, wie rational Du bist, irgendwo meldet sich was, ein Bauchgrimmen, Unwohlsein, Dein Gefühl ist ja da, egal, welche Seite Du von Dir im Alltag mehr lebst.

    So, nun genug, ich muss in die Wanne. Mir ist derzeit schwer, weniger wegen der Erkrankung selber, das läuft alles gut, sondern wegen der tiefen Trauer, die sich da aufbaut, seit Jahren, der ich mich nun stellen muss. Der Krebs ist das „nur“ wie ein Trauerfinale, wie eine Rampe, die das alles zutage fördert.

    Ende Juni geht es bei mir mit meiner Psychoonkologin los.

    Jetzt aber wirklich warme wohlige Wanne… 😉

    Alles Liebe!
    Gabi

    • Carpe tempus! said,

      15. April 2012 um 12:54

      Liebe Gabi! Ganz lieben Dank für Deinen ausführlichen Kommentar. Er hat mich sehr nachdenklich gemacht. Ich bin ja eher so, die Schuld bei mir zu suchen, ich bemühe mich nicht genug, was auch immer. Aber das schale Gefühl ist da, und es ist jetzt auch nach zwei Wochen noch da, und ich habe vor, darauf zu hören. Ich kann das immer noch nicht so ganz verstehen, woher es kommt, die Summe von Kleinigkeiten vermutlich.
      Ich habe mir vorgenommen, sie beim nächsten Mal drauf anzusprechen. Ich kann das nicht gut, so eine Konfrontation, aber es ist zu wichtig, dass die Therapie funktioniert, sonst brauche ich das nicht machen.
      Ich hoffe, die Erholung schreitet voran (Wanne klingt sehr gut!) und der Therapiestart wird ein voller Erfolg!
      Liebe Grüße! Jenneke

  4. Karl said,

    13. April 2012 um 12:18

    Ich sehe das ähnlich wie Sue, und denke, das sollte sich erstmal setzen. Bis zu einem evtl. nächsten Termin dürfte ja noch etwas Zeit sein.
    Im Prinzip sollten natürlich beide Beteiligten in einer solchen Sitzung offen für neue Sichtweisen sein. Wenn das allerdings einseitig vom Klienten verlangt wird, ist das nicht sehr fruchtbar. Und wenn Du das Gefühl hast, dass Dir wichtige Sachen abgebügelt oder nicht wahrgenommen werden, ist das sicher auch nicht gut.
    Ein anderes Problem ist natürlich, dass Psychoonkologen, wenn sie nicht gleichzeitig wirklich Onkologen oder artverwandte Mediziner (meine war auch Onkologin) sind, die medizinischen Dinge nicht unbedingt so gut beurteilen können, und so z.B. auch eine vielleicht berechtigte Progredienzangst für unberechtigt oder übertrieben halten („unerwartet schlechter Befund“). Falls noch ein weiteres Gespräch zustande kommt, würde ich das ansprechen, dass da Dein Vertrauen einen Knacks bekommen hat.
    Und wenn am Ende ein Wechsel notwendig scheint, dann muss das eben so sein.

    Liebe Grüße
    Karl

    • Carpe tempus! said,

      15. April 2012 um 13:00

      Lieber Karl! Es sind noch fast drei Wochen bis zum nächsten Termin, bis dahin werde ich sicher noch drüber nachdenken (müssen), wo genau mein Problem liegt. Vielleicht ist es auch nur die Art und Weise, wie sie diese andere Sichtweise präsentiert hat. Das ist bei mir einfach nach hinten losgegangen. 😦
      Empfohlen wurde mir die Dame als Expertin, gerade auch für Patientinnen mit Krebs, und ich hatte erwartet, dass sie meine Gesamtsituation einschätzen kann. Und vielleicht sehe ich das ja auch zu düster und/oder realistisch, aber ich bin nicht so der „ich glaube an Wunder“-Typ. Aber ich lasse mich ja gerne eines anderen belehren.
      Lieben Dank für Deine Worte und liebe Grüße! Jenneke

  5. dreamsandme said,

    15. April 2012 um 17:28

    Liebe Jenneke,

    hab deinen Eintrag und die Kommentare dazu gelesen und weiß noch immer nicht, was ich davon halten soll. Ich hatte nur ein einziges psychologisches Gespräch und das gefiel mir schon nicht. Deshalb kann ich dir auch keinen brauchbaren Rat geben…

    Sei lieb gedrückt,
    Sunny

    • Carpe tempus! said,

      16. April 2012 um 21:35

      Liebe Sunny, so recht weiß ich das auch noch nicht, wohin mich das alles bringt. Aber irgendwann kriege ich es hoffentlich raus …
      Liebe Grüße und zurückgedrückt! Jenneke