Alles klar … oder nicht?

Freitag war der dreimonatliche Studientermin mit meinem Onkologen, Professor Koryphäe. Über die Befunde von CT und MRT haben wir nur kurz gesprochen. Darüber gab’s auch nicht viel zu sagen, sah ja gut aus. Die Studie, in der ich bin, verlangt in diesem Stadium alle 15 Wochen eine Beurteilung von Thorax und Abdomen. Ich fragte ihn, wie er das handhaben würde, wenn ich nicht in der Studie wäre. Seine Antwort war so eindeutig wie ernüchternd: alle drei Monate, allein aufgrund meines Alters. Was für mich auch bedeutet, mit jedem CT könnte es wieder anders aussehen …

Die abnehmende Belastbarkeit und meine Schlafstörungen waren auch wieder ein Thema. Er empfahl mir dann, es mal mit Akupunktur zu versuchen und nannte mir auch eine Adresse, bei der einige seiner Patientinnen Erleichterung gefunden hatten.
Derzeit schlafe ich wieder gut, letzte Nacht 8 Stunden am Stück ohne aufzuwachen (Hurra!), aber ich behalte das im Hinterkopf.

Das Gespräch driftete dann ab zu nicht-onkologischen Themen, und für einen Augenblick war ich versucht, das hinzunehmen (man kann sich sehr gut mit Professor Koryphäe unterhalten, ich würde auch problemlos die dreifache Zeit mit ihm verplaudern).  Aber die Zeit vor diesem Staging … die hat mich sehr nachdenklich gemacht. Wir behandeln meinen Körper, mit Erfolg. Aber wer behandelt meine Seele? Ich tue selbst, was ich kann, ich laufe, denke, meditiere, lese … aber immer mehr habe ich das Gefühl, es reicht nicht. Der psychische Aspekt der Krankheit ist ganz eindeutig der, der mich mehr belastet. Und damit versuche ich allein klar zu kommen? Wie blöd …

Das Thema „Psychoonkologie“ steht seit April auf meinem Fragenzettel, und ich hatte es schon die beiden letzten Male mit Professor Koryphäe nicht angesprochen. Warum? Weil es dann doch nicht so dringend war? Weil ich mir nicht wirklich eingestehen mochte, dass ich da Hilfe brauche? Ich komme doch gut klar mit allem. Ich habe das doch im Griff … oder etwa nicht?

Aber dieses Mal fasste ich mir ein Herz und sagte, dass ich die Krebserkrankung derzeit eher als psychische Erkrankung empfinde denn als körperliche. Zu meiner Überraschung nickte er und sagte, das wäre meistens so. Auf meine Frage hin erzählte er mir dann von einer psychoonkologischen Station der nahen Hochschule. Sie haben dort auch einen gynäkologischen Hintergrund, kennen die Medikamente, die Leute da sind spezialisiert auf Frauen mit Krebs.

Nun habe ich eine Überweisung … und bin schon wieder unsicher, ob ich da wirklich anrufen soll.

Wie blöd …

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14 Kommentare

  1. Masca said,

    16. Oktober 2011 um 23:14

    Liebe Jenneke,
    ruf an! Was hast du zu verlieren? Nichts. Was hast du zu gewinnen? Viel. Probiere es aus.
    Ich drück dich!
    LG von Masca

    • 18. Oktober 2011 um 22:14

      Danke, liebe Masca, das werde ich. Auch wenn mir ein bisschen mulmig dabei ist.
      Knuddel zurück! Jenneke

  2. drkall said,

    16. Oktober 2011 um 23:19

    „und bin schon wieder unsicher, ob ich da wirklich anrufen soll.“
    Ja, sollst Du!
    Du hast nichts zu verlieren, und es ist auf keinen Fall etwas, für das man sich in irgeneider Weise zu schämen hätte oder ein Zeichen von Schwäche.

    Ich habe grad vor einigen Tagen mit meiner Psychoonkologin vereinbart, dass ich nach der vor längerem stattgefundenen „Krisenintervention“ gern im Sinne eine längeren Therapie weiterarbeiten möchte, nachdem ich einen Augenblick versucht gewesen war abzusagen und das auch schon gesagt hatte. Der Kontakt hatte einige Zeit geruht, weil die Therapeutin selbst nicht arbeiten konnte. Ich hatte mir fest vorgenommen, wenn sie wieder anruft, bitte ich um die Fortsetzung der Therapie, weil mir bewusst geworden war, dass es einige Dinge zu klären gäbe, die zwar nichts unmittelbar mit der Erkrankung zu tun haben, aber nichts desto trotz in diesem Zusammenhang mir zu Bewusstsein gekommen sind und eigentlich mal bearbeitet gehören. Und was mach ich? Sage im ersten Moment, och, es geht mir eigentlich ganz gut, ich glaube wir können das beenden. Wir haben das dann doch noch im Sinne der Fortsetzung geklärt, und ich bin froh darüber, dass es in absehbarer Zeit weitergeht.

    Da war es wieder gewesen, das Gefühl, dass man „sowas“ ja eigentlich nicht nötig habe, vielleicht ja eigentlich auch schon zu alt für „sowas“ sei, und überhaupt Psychokram. Es hat mir beim ersten Mal genutzt, und ich denke, es wird mir wieder nutzen. Ich habe das nicht nötig, sondern ich darf mir das leisten, Punkt.

    • 18. Oktober 2011 um 22:19

      Danke, lieber Karl, für Deinen Kommentar. Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Zeichen von Schwäche. Genau so kam es mir vor. Ein Eingeständnis. Vielleicht sogar Versagen. Der Kopf weiß, dass das nicht so ist, aber der Bauch rebelliert noch gegen diesen Schritt. Egal, er wird überstimmt, weil seine Einwände keine Hand und Fuß haben. Und doch bin nicht sicher, wohin das alles führt. Aber ich werde es sehen.
      Ich danke Dir!

  3. Sue said,

    17. Oktober 2011 um 01:16

    Ich denke, Du solltest wenigstens einen Versuch machen.
    Mit einem gebrochenen Bein gehst Du doch auch ganz selbstverständlich zum Chirurgen und läßt Dir helfen. Warum nicht mit der Seele / Psyche auch zu kompetenten Fachleuten ?
    Ich finde Gespräche mit psychologisch geschulten Menschen immer spannend und ich finde man kann da nur lernen. Mal mehr, mal weniger.
    Schaden kann das auf jeden Fall nicht und beurteilen, ob es Dir in Deiner speziellen Situation hilft oder nicht, kannst Du erst nach einem Test 😉
    Ich finde, mit den Dingen konfrontiert, wie Du es bist, hat man das Recht jegliche Unterstützung in Anspruch zu nehmen und Dein Prof. Koryphäe scheint das ja auch für sinnvoll zu halten.

    lieben gruss sue

    • 18. Oktober 2011 um 22:21

      Liebe Sue, Du hast so recht. Ich habe jetzt alles eingeleitet, mal sehen, wohin es mich führt. Auf jeden Fall bringt es mich jetzt schon ins Denken, das kann nicht verkehrt sein.
      Liebe Grüße! Jenneke

  4. sakarinevada said,

    17. Oktober 2011 um 05:41

    Liebe Jenneke

    Es ist nicht blöd. Ruf doch dort an. Ich habe auch lange gezögert, und musste dann einsehen, dass ich mit dem psychischen Aspekt der Krebserkrankung nicht alleine klarkomme, und habe die Hilfe einer Psychoonkologien in Anspruch genommen. Du vergibst Dir nichts, wenn Du Dich auf einen Versuch einlässt. Du kannst den Versuch ja jederzeit wieder abbrechen, wenn Du das Gefühl hast, dass es für Dich nicht das Richtige ist.

    Sei lieb umarmt
    Ursula

    • 18. Oktober 2011 um 22:24

      Liebe Ursula! Nachdem ich es gestern vor mir her geschoben habe, habe ich dann heute doch angerufen. Ist ja auch zu blöd, es nicht zu machen. Ich bin gespannt, was es mir bringen wird.
      Liebe Grüße! Jenneke

  5. Kaktus said,

    18. Oktober 2011 um 06:34

    Liebe Jenneke,
    ruf an, du kannst es unter dem Motto „Versuch“ laufen lassen!

    Und du wägst nach dem ersten Mal einfach ab, ob es so schlimm/unnütz war, dass du es nicht nochmal probieren kannst. Geh’s nach der „worstcase“ Methode an! Also mit der Frage, was ist das Schlimmste, was dir dort passieren kann. Wenn dasin deiner Vorstellung erträglich erscheint, dann geh hin. Und gehen kannst du sicher jederzeit wieder!

    Just do it!

    Kaktus

    • 18. Oktober 2011 um 22:27

      Danke, liebe Kaktus, für Deine Worte. Ich kann mir derzeit nicht wirklich vorstellen, was da passiert in so einem Gespräch, aber der worst case wäre vermutlich, dass es vergeudete Zeit ist. Aber das glaube ich eigentlich nicht …
      Liebe Grüße! Jenneke

      • Kaktus said,

        19. Oktober 2011 um 06:43

        Gerne 🙂

        Bei der Anmeldung – vermutlich ja telefonisch – kannst du fragen, wie ist das, wie läuft das ab und so. Da sollten solche Fragen ordentlich beantwortet werden! Und du hast vielleicht dann eine Hemmschwelle schon weniger.

        Dem Onkel Psychoonkologen kannst du die Sachen sagen, die du sonst keinem anvertrauen möchtest. Ich seh das so, etwas knackig vielleicht…aber es doch so – er wird dafür bezahlt, dass er dir zuhört und er ist derjenige, der die Erfahrung hat, mit Menschen, die mit einer reellen Bedrohung leben müssen. Er soll eine Art Coach für dich sein.
        Hab Mut
        Kaktus

        • Carpe tempus! said,

          19. Oktober 2011 um 19:07

          Das Telefonat hatte ich ja schon, da habe ich jetzt nicht gefragt, was so passiert. Aber da das noch eine Weile hin ist, werde ich sicher vorher noch mal anrufen, ich muss ja irgendwie den Weg finden auf dem riesigen Gelände. Im Augenblick bin ich neugierig, was so kommt.
          Liebe Grüße! Jenneke

  6. dreamsandme said,

    18. Oktober 2011 um 14:04

    Liebe Jenneke,

    ich kann dir nichts raten, bin in solchen Dingen auch immer sehr unschlüssig. Eigentlich läuft es ja ganz gut und wenn man keine Probleme hätte und nicht von Zeit zu Zeit den Abgrund dieser Krankheit sehen würde, käme mir das auch komisch vor.
    Ich weiß nicht, wann der Zeitpunkt da ist um nach Unterstützung zu fragen. Dass du es diesmal angesprochen hast, zeigt zumindest, dass du dieser Idee schon etwas näher gekommen bist und nach der Reaktion deines Profs geht es wohl sehr vielen Patienten so, dass sie an einen Punkt kommen, an dem sie sich alleine fühlen. Im Grunde hast du deine Entscheidung bereits getroffen, jetzt muss du nur noch den ersten Schritt machen. Wann dieser stattfinden wird, kannst du immer noch frei entscheiden.

    Sei lieb geknuddelt,
    Sunny

    • 18. Oktober 2011 um 22:36

      Ja, liebe Sunny, da hast Du Recht. Es ist ein auf und ab, und wenn jemand sagt, er hat damit keine Probleme, kann ich das nicht wirklich glauben. Es gehört beides dazu.
      Ich hatte schon öfter den (unfairen) Gedanken, dass ich ja mit niemandem reden kann. Was natürlich nicht stimmt, aber ich bin mir doch immer sehr bewusst, dass es meine Gesprächspartner auch belastet. Und da sage ich dann lieber einmal weniger was … Der Wunsch nach einem professionellen Gespräch war schon länger da, aber nicht so dringend irgendwie … Aber dieses Mal ist da was passiert vor dem Staging, womit ich nicht umgehen konnte. Kein gutes Gefühl … und irgendwie der Tritt in den Allerwertesten, das mal zu probieren. Ich werde sehen, was von kommt 😉
      Ich schicke einen dicken Knuddel zurück! Jenneke