Wer nicht wagt … (Teil 2)

Mein ganzes Leben hatte ich lange Haare. Bis zur Chemo 2002. Und als die vorbeit war, habe ich wieder gezüchtet. Natürlich nur bis zu einer gewissen Länge, sie sind halt nicht so dick und dicht, dass ich sie bis zum Po tragen könnte. Stufen, ja. Aber kurz? Etwas kürzer? Nein, keine Chance. Lange Haare sind ein Zeichen von „ich bin gesund“.
Keine Chemo, kein Krebs = lange Haare haben können.

Nun ist es letztes Jahr anders gekommen. Es geht mir zwar ausgezeichnet, aber ich bin nicht mehr gesund. Gibt also eigentlich keinen Grund mehr, die Haare lang zu lassen. Weil das dann etwas darstellt für mich, was ich nicht mehr bin?

Die letzten Wochen kam der Gedanke immer wieder – abschneiden. Was anderes machen, mal wieder eine Frisur, die meine Naturwelle zum Vorschein bringt. Es war mir unheimlich, weil mir das immer so viel bedeutet hat. Und jetzt nicht mehr? Habe ich schon aufgegeben, gesund sein zu wollen? Grübel, grübel …

Doch vielleicht gingen mir die langen, konturlosen Zotteln einfach auf den Senkel. Vielleicht hat die AHT und die damit verbundene Ausdünnung der Haare auch was damit zu tun, dass es mir nicht mehr gefiel. Vielleicht habe ich, trotz (oder wegen) der Metastasen da eine Altlast abschütteln können? Vielleicht ist dieses Zeichen für mich auch einfach nur nicht mehr wichtig.

Also Friseur angerufen, Tag später einen Termin gehabt.
Wer nicht wagt …

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15 Kommentare

  1. Sue said,

    1. Oktober 2011 um 23:07

    Und wie fühlst Du Dich nun mit dem neuen Kopf ?
    Egal ob das ein Zeichen, für was auch immer, ist oder war, wichtig finde ich, dass man sich damit wohl fühlt.
    Ich hatte schon Jahre vor dem Krebs immer kurze Haare, weil ich das einfach praktischer und variabler finde. Aber da gehen die Meinungen ja auseinander.

    lieben gruss sue

    • Carpe tempus! said,

      1. Oktober 2011 um 23:11

      Hallo liebe Sue!
      Es ist noch ungewohnt, so leicht alles 🙂 Komischerweise habe ich nicht mehr das Gefühl, so wenig Haare zu haben. Sogar mein Mann findet es besser, dabei hat er auch immer für die langen Haare gestimmt. Bei den heutigen Hitzewallungen hat es sich schon bewährt – so kurz hinten, dass ich gut fächeln kann. Einmal drüberrubbeln, trocken. Es ist wirklich sehr kurz hinten … doch, ich find’s gut und bin froh, dass ich es gemacht habe 😀
      Sonnige Grüße! Jenneke

      • sakarinevada said,

        5. Oktober 2011 um 15:51

        Liebe Jenneke, das ist ein mutiger Schritt, aber auch ein Neubeginn. Nach meiner Diagnose, entschied ich mich meine Haare nicht mehr zu Färben. Es soll jetzt weiss sein. Langes Haar hatte ich nie, die stehen mir nicht zu Gesicht, und der Aufwand war mir immer zu gross.

        Ich kann mir gut vorstellen, dass die Leichtigkeit auf dem Kopf ungewohnt ist für Dich, aber ich denke Du bist auch mit kurzen Haaren eine wahre Schönheit.

        Ganz liebe Grüsse
        Ursula

        • Carpe tempus! said,

          5. Oktober 2011 um 22:47

          Danke, liebe Ursula, für Deine lieben Worte. Das mit dem Neuanfang … da bin ich mir immer noch nicht sicher, ob das wirklich so ist. Aber manchmal merkt man es erst in der Rückschau. Mal sehen, was ich in ein paar Monaten dazu sage. Was die Farbe angeht … ich habe nie gefärbt. Denke gerade darüber nach 😉
          Liebe Grüße von Jenneke

  2. 1. Oktober 2011 um 23:36

    […] woanders hochgeladen hab und ungeahnte Reaktionen erhalten hab. Und außerdem hab ich grad bei Jenneke über lange Haare gelesen, natürlich in einem ganz anderen […]

  3. Edith said,

    4. Oktober 2011 um 14:44

    Hallo Jennecke,

    Kompliment für deine schöne Homepage, auch deine Haare sind wunderschön. Mir geht’s genau so wie dir; ich bin 38 Jahre, habe Brustkrebs mit Lebermetastasen, Lebenserwartung 3-5 Jahre ab Diagnose, das war heuer im Mai 2011.
    Meine Frage an Dich ist, ob Du Dich mit dem Sterben/Tod schon auseinandergesetzt hast oder ob Du das einfach auf Dich zukommen lässt. Würde mich freuen, wenn Du mir einen Kommentar dazu geben könntest.

    • Carpe tempus! said,

      4. Oktober 2011 um 22:50

      Hallo Edith! Willkommen auf meinem Blog!
      Ja, ich habe mich viel damit beschäftigt, wobei Sterben und Tod für mich zwei völlig unterschiedliche Dinge sind. Das eine macht mir Angst, das Sterben, der Tod an sich überhaupt nicht.
      Und doch tue ich auch genau das – es auf mich zukommen lassen. Ich kenne die Statistiken, aber ich versuche, mich davon nicht beeindrucken zu lassen. Es sind Mittelwerte, wie es den einzelnen Patientinnen ergangen ist, kann man da nicht herauslesen. Jede ist schließlich anders. Die Forschung schreitet voran, und ich kann jetzt nicht wissen, was nächstes Jahr vielleicht auf den Markt kommt, das mir helfen könnte. Nicht zur Heilung, daran glaube ich nicht mehr, aber vielleicht noch ein paar lebenswerte Jahre mehr.
      Ich weiß es nicht, was kommt, und das ist gut so. Derzeit geht es mir gut, und ich versuche, das zu genießen, im Jetzt zu leben. Manchmal gelingt es mir. Nicht immer (leider auch nicht immer öfter), aber ich behalte im Blick, was mir wichtig ist.
      Liebe Grüße, Jenneke

      • Edith said,

        5. Oktober 2011 um 14:19

        Hallo Jennecke,

        danke für Deine prompte Antwort. Darf ich Dich fragen, was die Ärzte in Hinblick auf Deine Lebenserwartung sagen?
        Ich bin aus Österreich und bei uns ist es so, dass man ein halbes Jahr früher gesagt bekommt, wenn Schluss ist.
        Ich mache eine Antikörpertherapie mit Herceptin. Ich habe sowohl den Wachstums-, als auch den Hormonkrebs.
        Hatte die stärkste Chemotherapie, die es für Frauen gibt.
        Wie geht’s dir mit dem Schlafen? Nimmst Du keine Schlaftabletten?
        Liebe Grüße, Edith

        • Carpe tempus! said,

          5. Oktober 2011 um 23:03

          Hallo liebe Edith!
          Ich habe dazu bisher keine Aussage zur Lebenserwartung bekommen und habe auch nicht danach gefragt. Auch mit den Metastasen bin ich in keiner so schlechten Position, es gibt einiges, was für mich spricht:
          – spätes Auftreten der Metas (nach 8,5 Jahren)
          – geringe Tumorlast bei Entdeckung
          – wenig Mutation (die Metas sind dem Ursprungtumor sehr ähnlich)
          – Herzeptin negativ (also weniger aggressiv)
          – Schnelles Ansprechen der Metas auf die AHT (so ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass sie länger hält)
          Aber niemand konnte mir sagen, wie lange der Therapieerfolg gehen wird. Die Packungsbeilage sagt 9 Monate im Schnitt progressionsfrei, mein Onkologe hat eine Frau, die sein acht Jahren darunter stabil ist. Er sagte aber auch, dass das eine Ausnahme sei.
          Mit anderen Worten – ich weiß es nicht. Solange die AHT noch anspricht, denke ich nicht weiter darüber nach. Wie lange sie halten wird? Keine Ahnung. Nächste Woche ist wieder Staging … es ist ein Leben in drei-Monats-Raten. Irgendwann werden die Metastasen wiederkommen und/oder weiterwachsen. Der Verlauf ist klar, ist nur die Frage wie lange es dauert.
          Schlafen ist problematisch wegen der antihormonellen Therapie. Entweder schlafe ich nicht ein (kann dann aber 5-6 Stunden am Stück schlafen) oder ich schlafe schnell ein und bin alle 2 Stunden wach. Tabletten nehme ich keine. Da sich meine Erschöpfung in Grenzen hält, nehme ich das so hin, versuche seit Neuestem mit Nickerchen am Nachmittag gegenzusteuern. Bringt ein bisschen was, hilft aber nicht gegen das Nicht-Einschlafen.
          Hatte bei Dir der Krebs schon gestreut, als er entdeckt wurde?
          Liebe Grüße von Jenneke
          PS: Du kannst mir auch gerne direkt mailen, die Adresse steht im Impressum.

  4. Kaktus said,

    5. Oktober 2011 um 22:45

    Hallo,
    Haare verändern hat für mich immer was mit Veränderung zu tun, Neubeginn oder Zeichen für eine Stimmung.

    Ich kann nur Mutmachen „alte Zöpfe“ abzuschneiden, das frische Gefühl ist toll!!!

    Das Radikalste, was ich mal angestellt habe, waren rasierte 12 mm (selbstgebaut mit Kurzhaarschneider) ;-))
    Ich würds nie wieder tun, aber ich bereue es auch in keinster Weise, denn ich wollte wissen, wie sich das anfühlt und das war die genialste Frisur, die ich je hatte

    Liebe Grüße
    Kaktus

    • Carpe tempus! said,

      5. Oktober 2011 um 23:10

      Hallo Kaktus! Willkommen auf meinem Blog!
      Ja, ich bin irgendwie gespannt, wie ich das in der Rückschau bewerten werde. Für mich ist es ein ziemlich großer Schritt gewesen, weil kurze Haare (bei mir) mich immer an die Chemo erinnert haben. Wollte ich nie wieder haben. Hach, da war ich froh, als sie wieder 12mm hatten! Ich glaube, ab dem Zeitpunkt gibt es auch wieder Fotos von mir 😉
      Da gehört schon Mut zu, das einfach mal auszuprobieren. Hut ab! Und, ja, das ist unschlagbar praktisch 😀
      Liebe Grüße von Jenneke

  5. Kaktus said,

    6. Oktober 2011 um 06:32

    Hallo Carpe tempus!
    Danke fürs Welcome!
    Ich bin schon länger regelmäßig hier und lese besonders interessiert im Moment deine Posts zum Laufen. Ich hab vor 3 Wochen mit dem Rauchen aufgehört und jetzt im Urlaub (mal wieder) den Einstieg ins Laufen gewagt. Ich kann jetzt 40 Minuten im Rückwärtsgang!! 🙂 Da hast Du mir doch schon was voraus, aber genau dies hat mich – ohne jetzt rumschleimen zu wollen – echt motiviert!!!
    Schönen Tag wünsche ich – und bis bald
    Kaktus

    • 10. Oktober 2011 um 19:57

      Liebe Kaktus! Ich bin ganz begeistert vom Laufen, ich hätt’s ja nie geglaubt. Erst heute wieder hatte ich da echt auch einen therapeutischen Nutzen von, das bläst so richtig den Kopf frei 😀
      Es freut mich, dass ich Dich damit motivieren konnte, das hätte ich ja gar nicht gedacht 🙂 Ich drücke die Daumen, dass Du auch den Spaßfaktor findest im Laufen, dann ist das mit der Motivation auch kein Problem mehr 🙂
      Liebe Grüße von Jenneke

  6. dreamsandme said,

    6. Oktober 2011 um 20:34

    Liebe Jenneke,

    ich habe mir vor einigen Jahren die Haare abschneiden lassen. Was war ich unglücklich damit! Obwohl sie mir gut stehen! Danach wusste ich, dass ich sie nicht mehr schneiden lasse. Aber man soll ja niemals nie sagen!

    Welche Farbe geistert denn so in deinem und bald auf deinem Kopf umher?

    Sei lieb gegrüßt,
    Sunny

    PS: Kurze Haare sind superpraktisch. Ich ärger mich jedes Mal, wenns schnell gehn muss und meine Haare so lang brauchen zum Trocknen. 😉

    • 10. Oktober 2011 um 20:01

      Liebe Sunny, ich hatte NIE kurze Haare. Ich war 18, bis ich zum ersten Mal zum Friseur bin, bis dahin hat meine Mutter immer nur unten ein Stückchen abgeschnitten. Und dann gleich Glatze, das war irgendwie zu krass für mich 😉 Aber die Reaktionen sind so gut auf die neue Frisur, dass ich mich schon gefragt habe, warum mir das nicht mal vorher einer gesagt hat, wie ätzend das lang aussah 🙂
      Ja, praktisch ist’s. Aber ich muss jetzt wieder öfter waschen, mal eben zusammenbinden und zum Einkaufen gehen ist nicht mehr. Aber man kann nicht alles haben.
      Und die Farbe? Blonder, weil die hellen Spitzen jetzt ab sind, sieht es doch deutlich dunkler aus. Ein bisschen rötlich … mal sehen. Ich lasse mich überraschen, was sich da zusammenbraut 😀
      Liebe Grüße von Jenneke